Herrlicher Horror

– aus unserer Reihe: „Es muss nicht immer Nörgeln sein“

Horrorfilme sollten gruselig sein – viele verfehlen ihr Ziel aber leider. Inzwischen haben Gedärme den Grusel verdrängt… und wurden inzwischen durch das Genre des Folterpornos selbst verdrängt. Es gibt ein paar sehr gute Horrorfilme, die meist mit subtilen Mitteln ihr Ziel erreichen (z.B. „The Innkeepers“ und „When a Stranger calls back“). Das ist die wahre Kunst, mit wenig viel zu erreichen. Ab einem gewissen Zeitpunkt waren dann allerdings Blutfontänen, Gedärme und Zerstückeln in – was man im Englischen als „Gore“ bezeichnet. Das kann sein Ziel erreichen, das kann aber auch wie albernes Kasperletheater aussehen. Natürlich gibt es auch Filme, die sich auf humoristische Weise mit dem Feld des Horrors auseinandersetzen. Schauen wir doch mal, was wir da so im Angebot haben.

„Rubber“

Dieser Film ist für mich ein kleines Meisterwerk. „Rubber“ kommt über lange Strecken völlig ohne Dialog aus und zeigt gewissermaßen Aufstieg und Fall eines Reifen. Dabei geht er alle Stadien durch, von dem Zeitpunkt, wo der Reifen zum Leben erwacht, sich seiner bewusst wird, sich seiner „Macht“ bewusst wird bis hin zu einer Situation, die ihn dazu bringt, auszuflippen und ein Massaker anzurichten. All das ohne Worte und doch so, dass man die ganze Zeit versteht, was vor sich geht – etwas, das viele Hollywoodfilme inzwischen nicht mal mit Worten schaffen!

Der Film zeigt die Klischees des Horrorgenres, spielt aber auch damit. Er ist gleichzeitig Horrorfilm und Parodie darauf. Streng genommen ist es ein Meta-Film, ein Film über Film, der sich dessen, was er da tut, bewusst ist und der auch das Publikum mit einbezieht. Um die Metaebene noch zu unterstreichen, gibt es eine Art Rahmenhandlung mit einem Publikum, das stellvertretend für das Publikum steht. Irgendwann wird auch diese Grenze durchbrochen und das Publikum wird in die Handlung integriert.

„Rubber“ ist ein schöner kleiner Film, der zeigt, dass Kreativität noch immer der beste Weg ist, denn viel gekostet haben wird er nicht. Ich glaube, das Budget lag bei 500.000 Dollar und dafür geht man in Hollywood noch nichtmal aufs Klo, geschweige denn kriegt man einen Film gemacht. Besonders unter diesem Aspekt ist das, was man hier geschaffen hat, extrem beeindruckend.

„Severance”

Es ist die klassische Situation: Eine Gruppe Leute gerät in eine abgelegene Hütte irgendwo in einem Wald oder in Osteuropa (oder, wie hier, beides) und dann beginnt irgendjemand, die Gruppenmitglieder einen nach dem anderen umzubringen. So ist es auch hier, nur, dass es sich diesmal nicht zu ernst nimmt, sonder Horror gespickt mit Ironie ist.

Der Film ist sich seines Genres durchaus bewusst, denn es werden des Öfteren Klischeesituationen mit Spannung aufgebaut und dann mit Ironie gebrochen – nur um kurz darauf wieder in Spannung umzuschlagen. Darüber hinaus ist es ein Film für ein aufmerksames Publikum, für ein Publikum das mitdenkt und sich an Dinge, die vorher passiert sind oder gesagt wurden, erinnert. An verschiedenen Stellen wird auf etwas, das zuvor beiläufig erwähnt wurde, wie z.B. ein Bär als Hinweis auf eine Grenze, zurückgegriffen. Wer also bei Filmen auch gerne mal aufpasst, kommt hier auf seine Kosten.

Trotz der ironischen Anklänge geht es hier für die Leute genauso schlecht aus, wie in einem humorlosen Horrorfilm. Der Tod bleibt, die Verstümmelungen bleiben – und trotzdem ist es witzig. Dass die „Auflösung“ am Schluss genauso unrealistisch ist wie bei einem „echten“ Horrorfilm, spielt dabei keine Rolle. Man merkt dem Film an, dass sich die Macher mit dem Genre auskennen – und dass sie gekonnt damit spielen.

„Tucker & Dale vs. Evil“

Hier haben wir die Umkehrung der Situation des vorherigen Films… und diesmal erleben wir sie aus der Sicht der „Hinterwäldler”. Es ist eigentlich das, was wir bekämen, wenn „Evil Dead“ und „Wrong Turn“ ein gemeinsames Kind hätten – nur eben mit Humor.

Die Handlung ist typisch: Eine Gruppe Jugendlicher fährt in ein amerikanisches Waldgebiet und trifft dort auf zwei Einheimische, die sich merkwürdig verhalten. Für gewöhnlich, das sagen uns die Filme dieses Genres mit steter Regelmäßigkeit, sind die böse, inzestuös und bringen Jugendliche um, wenn nicht schlimmeres. Hier nun ist das ein wenig anders. Denn hier sind die beiden liebe Kerle und wirklich nur missverstanden. Während die Jugendlichen ihre aus vorgenannten Filme begründeten Vorurteile ausleben und die beiden für Mörder halten, sehen wir sehen aus der Perspektive von Tucker und Dale, wie es zu Begebenheiten kommen kann, die man in der Retrospektive völlig anders interpretieren kann und würde.

Es ist ein herrliches Spiel mit den Klischees dieses Horrorgenres und eine wunderbare Brechung: Wenn die Jugendlichen nach und nach alle einen grausamen und originellen Tod finden und die vermeintlichen Hinterwäldler selbst sagen, dass das anders aussieht als es in Wirklichkeit war. „Würdest du uns glauben?“ ist da eine durchaus berechtigte Frage.

Wer von der ständigen Darstellung amerikanischer Waldbewohner als zurückgebliebene mordlüsterne Gesellen genug hat, sollte diesen Film nicht verpassen.

„Dog Soldiers“

Anders als die vorgenannten Filme ist „Dog Soldiers“ kein Film des Humors. Es ist ein Horrorfilm. Ein guter Horrorfilm. Und einer, der wahrscheinlich nicht viel gekostet hat. Und dadurch wieder einmal ein Beweis dafür, dass es nicht das Geld ist, das einen guten Film macht – es sind die guten Leute.

Hier geht es um eine Gruppe Soldaten, die eigentlich nur zu einer Übung soll, welche sich aber schnell als etwas völlig anderes entpuppt – so, wie sich einige Leute als Werwölfe entpuppen. Eine spannende Handlung, die zunächst in den Wäldern Englands spielt und dann später zu einer Belagerungssituation in einem einsamen Haus führt.

Wie die letzte Einstellung des Films zeigt, nimmt er sich nicht zu ernst, bietet aber gut gemachte Unterhaltung für alle, denen es mehr auf Spannung als auf die Literzahl an herumspritzendem Blut ankommt. Vom gleichen Regisseur stammt übrigens auch „The Descent“, der nicht nur guten Horror bietet, sondern auch perfekt mit der Platzangst spielt und einem in mancher Szene das Gefühl vermittelt, selbst unter der Erde eingeschlossen zu sein. Definitiv nichts für Leute, die Angst in engen Räumen haben!

Halb_Fiction145

von Martin Cordemann

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