Feuerball

Die große James Bond Retrospektive

Größer, lauter, bunter, weiter – das, was heutzutage allen Hollywoodfilmen zugrunde zu liegen scheint, wird schon im vierten Bond Film zelebriert. „Feuerball“ verlässt sich weniger auf seine Figuren als vielmehr auf seine Effekte – Unterwassereffekte, um genau zu sein. Was schade ist, da der Film ansonsten eine durchaus solide Handlung hat. Aber die Filmemacher sind inzwischen aus der Phase des Experimentierens heraus und in der Phase des Angebens angekommen. Sie wollen zeigen, was sie alles können. Und so wird „Feuerball“ streckenweise zu einer selbstverliebten Zurschaustellung dessen, was möglich aber nicht nötig ist. So gesehen ist es teilweise schon fast eine Art Kunstfilm, der uns mit glanzvoll präsentierten Unterwasseraufnahmen von Taucherschlachten… langweilt. Mich zumindest.

Auf der Habenseite

Was der Film hat – und was den Büchern eher fehlt – ist Connery und damit Humor. Connery verleiht der Figur einen Witz und eine gewisse Leichtigkeit, während Bond in den Büchern teilweise eher charakterlos wirkt, besonders bei John Gardner. Doch Connery schafft es, dem Agenten ein wenig Kontur und ein leises Augenzwinkern zu geben. Zwei sehr schöne Details in diesem Film sind das Werfen der Blumen auf den Gegner, den er gerade umgebracht hat und sein kleiner Schlenker hinüber zum Früchtekorb, um sich vor seinem Verschwinden aus dem Zimmer, in das er eingebrochen ist, noch eine kleine Weintraube zu stibitzen. Das ist nett und lockert das ganze ein wenig auf.

John Barry liefert wieder einen hervorragenden Soundtrack ab, der einmal mehr Titel und Bond Thema perfekt miteinander verwebt. In der U-Wasser-Schlacht greift er dann auch noch mal auf sein 007 Thema zurück, aber das kann hier auch weder retten noch helfen. Auch der Titelsong von Tom Jones kann sich hören lassen.

Was die hauseigenen Bond Klischees angeht: die schlechten Rückprojektionen bleiben sich treu, der Hut ist da… aber Bond wirft ihn nicht, obwohl er dazu ansetzt. Doch er überlegt es sich anders und muss dann, statt in Ms Büro, in einen offenbar von Ken Adam gebauten Saal, um sich dort mit allen in Europa befindlichen Doppelnull-Agenten zu treffen. Ich glaube, es gibt dort neun Stühle und er, der er verspätet kommt, nimmt auf dem siebten Stuhl Platz.

Scham statt Charme

Während Bond sonst eigentlich eher seinen Charme einsetzt, um Frauen rum zu bekommen, oder seinen haarigen Oberkörper, ist das hier schon eher sexuelle Nötigung. Erst zwingt er der jungen Dame im Sanatorium einen Kuss auf, dann erpresst er sie zu Sex in der Sauna… schwierig!

Dann trifft Bond auf ein Paralleluniversum, so scheint es jedenfalls. Nachdem er das Sanatorium verlassen hat, folgt ihm Graf Lippe, der wiederum von Fiona Volpe verfolgt wird – die jedoch fährt auf einer anderen Straße. Nun gibt es ein reges hin und her, in der das Paralleluniversum mit Fiona irgendwie in das mit Bond eindringt, die beiden überlappen sich, und sie schafft es von ihrer Straße, auf der sich Trennlinien befinden, Graf Lippe abzuschießen, der sich eindeutig auf einer Straße ohne Markierungsstreifen befindet. Der erste Fall von überdimensionalem Attentat in der Bond Reihe. Nächste Station: Zeitreise!

Bond Bullshit

Wir hatten ja schon die Bond Mythen angesprochen, die irgendwelche Leute in die Welt gesetzt haben, die sich bei näherer Betrachtung dann aber als Bullshit erweisen. Also, was haben wir hier davon?

Der Teaser steht in keiner allzu großen Verbindung zum Film, das ist richtig, aber Bond tötet darin einen Agenten von SPECTRE, auf den später im Film von Blofeld kurz eingegangen wird. Hat keine große Bedeutung für den Film, ist aber auch nicht völlig losgelöst.

Martine Beswick, eine der beiden Zigeunerinnen aus „Liebesgrüße“, kehrt als britische Agentin zurück und ist damit das zweite Bondgirl im weiteren Sinne, das in zwei Filmen – und in unterschiedlichen Rollen – auftaucht. (Moneypenny und die spätere M wollen wir in diesem Spiel einfach mal übergehen.)

Bond wird nie verletzt – ich glaube, auch das wird gerne gesagt. Und dass Daniel Craig in „Casino Royale“ der erste Bond war, dem man auch angesehen hat, dass er auf die Fresse gekriegt hat. Nun, das stimmt nur halb. Natürlich sind die Verletzungen im Gesicht neu, aber die sind in gewisser Weise eigentlich „Stirb langsam“ geschuldet, in dem das Actiongenre sich dazu bekannte, dass Helden auch verletzlich sein und das auch zeigen können. Also ohne „Stirb langsam“ keine zerbeulte Fresse bei Craig. Was Verletzungen angeht, so trägt Bond jedoch schon in „Die Welt ist nicht genug“ einen Verband – und hier in „Feuerball“ hinkt und blutet er stark genug, dass das seine Feinde auf seine Fährte lockt. Dass Bond nie vorher sichtbar verletzt war ist also mal wieder Bullshit!

Zukunftsweisende Ideen und neue Traditionen

In seiner Hochphase war Bond nicht nur für schicke Mädels und exotische Orte bekannt (oder waren es schicke Orte und exotische Mädels?), sondern auch für die Gimmicks, die ihm dabei halfen, seine Fälle zu lösen – also Leute umzubringen. Hier haben wir den Raketenrucksack (den wir alle schon seit dem Jahr 2000 im Haus haben und mit dem wir täglich zur Arbeit fliegen… oder nicht?) und das kleine Atemgerät, mit dem man vier Minuten lang unter Wasser atmen kann. Letzteres definitiv eine Erfindung des Films, wie so viele andere Gimmicks, die noch folgen sollten. Natürlich nahm auch das irgendwann überhand und Bond gebrauchte weniger seinen Verstand als vielmehr die kleinen Spielereien, aber doch waren sie eins: Inspirierend! Denn nun kamen die Gemeindienste… Geheimdienste auf die Idee, dass solche Sachen ja vielleicht ganz toll wären und begannen, selbst so etwas zu entwickeln. Damit haben die Bond Filme also zu neuen Entwicklungen geführt – eine Tatsache, der die neuen Filme nur ins Gesicht furzen mit der Bemerkung: „Explodierende Füllfederhalter machen wir nicht mehr.“ Ja, und das ist ein echtes Armutszeugnis, das eher gegen als für euch spricht, ihr uninspirierten Arschlöcher!

Zudem wird hier eine neue Tradition eingeführt: Endkämpfe, die mich zu Tode langweilen! Hier in Exzession betrieben, später vielfach kopiert. Es gibt einige Filme, die ich recht gut finde – bis wir zur Endausscheidung kommen. Und dann muss wieder auf die Explosionsdrüse gedrückt werden, hier und da fliegt was in die Luft, alles muss überdimensioniert sein, weil dumme Leute denken, dass mehr Explosionen mehr Spannung sind – seufz!

Unterm Wasser… Strich!

Tja, nicht unbedingt mein Lieblingsfilm aus der Reihe. Zu lang, zuviel Wasser, das meiste davon unter. Auf 110 Minuten runterkürzen hätte hier möglicherweise helfen können. Auch Largos englischer Synchronsprecher sagt mir nicht so zu, da würde ich dann doch Martin Hirthe in der deutschen Fassung vorziehen.

Am Schluss gibt es dann noch einen schönen – gut von Barrys Score untermalten – Bond Moment, der wirklich gelungen ist… aber leider auch absolut sinnlos!

— Martin Cordemann alias Null Null PeeWee Ende —

— es folgt Sonderbericht von Tillmann Courth alias Null Null Tilly —

Der Film ist schmissig, ich mag „Feuerball“! Der komplette Film ist straff, effektiv und clever inszeniert. Ohne Fett anzusetzen verfolgt er eine intelligente Dramaturgie und geht gekonnt mit Pointen um.  Bis zur Filmminute 108. Was der Haken an vielen Bondfilmen ist – das große Finale verkommt zum langweiligen Feuerwerk. Dennoch vielleicht der Bond mit den meisten coolen Sprüchen!

Ein toller Vorsetzer mit dem Klasse-Detail der hingeworfenen Schnittblumen auf den endlich erledigten Feindagenten (3. Filmminute)! Wundersamerweise ist der in „Goldfinger“ geschrottete Aston Martin als Fluchtwagen zur Stelle. Tom Jones passt als Titelsänger von „Thunderball“ gut zu Bond, wie ich finde.

Schöner Spannungsmoment in der 10. Minute: Bei Blofelds Gangster-Kaffeekränzchen geht ein Stuhl hoch und erledigt einen untreuen Dunkelmann. Und wieder ein freches Detail in der 13. Minute: Der einbrechende Bond schnappt sich eine Traube vom Obstteller. Gleich wird er noch mehr vernaschen! Die Masseurin im Sanatorium nämlich (nachdem er auf einer elektrischen Streckbank beinahe zu Tode gekommen wäre). Dass muss Bond-Humor sein: Nach der Streckbank läuft das Schäferstündchen umso besser. Übrigens die erste Sexszene meines Lebens. Die Fantasie eines Jugendlichen lief so heiß wie das Dampfbad, in welchem der Akt stattfindet (ganze 2 Sekunden).

Der nächste kesse Moment in Minute 17: Bond zahlt es dem Attentäter genüsslich heim, indem er ihn in einem Saunatopf schmoren lässt. Nächster schöner Überraschungsmoment ist der Auftritt des Doppelgängers in Minute 19. Die sich anschließende Infiltration des falschen Majors wirkt noch heute frisch.

Brüllerzitat in Minute 36, Abschied von der Masseurin: „Wir sehen uns wieder“ – „Wann du willst und wo du willst, James“ – „Ich will eigentlich immer, hab nur so wenig Zeit“. Im Anschluss macht Bond große Augen, als ein Blofeld-Bediensteter auf Motorrad Bonds Verfolger aus dem Weg räumt, ehe Bond selber seinen Aston Martin tricksen lassen kann. Man muss auch mal anderen den Vortritt lassen. Und direkt eine Pointe hinterher: Bei Eintritt in Moneypennys Büro kann Bond seinen Hut nicht an den Garderobenständer segeln lassen, weil dieser neben die Tür verschoben wurde. Enttäuscht hängt er ihn einfach auf.

Die Ankunft in Nassau ist business as usual: Frau angraben, Spielcasino, Dinner mit Angeberchampagner. 53. Minute: Hübsch inszeniert das visuelle Rückverfolgen der Tonbandaufnahme durch eine subjektive Kamera (und das Überraschung eines Gangsters in der Dusche). Dann schaut Q vorbei, immer schön, diesmal trägt er sogar ein Hawaii-Hemd!

Felix-Leiter-Darsteller Rik van Nutter wirkt sehr wie das Vorbild der Parodie im zweiten OSS 117-Film („Er selbst ist sich genug“), stimmt mich spontan heiter. 64. Minute: Bond macht Bekanntschaft mit dem „bad girl“ des Films – wie heißt sie eigentlich? Fiona.

70. Minute: Largo stellt seinen Henchman „Mr. Vargas“ vor: „Unser Freund Vargas trinkt nicht, raucht nicht und er liebt nicht. Was tust du nur, Vargas?“ – ich tät spontan auf Systemadministrator tippen… Ist Vargas der erste Nerd der Bondgeschichte?! Jedenfalls tötet er wenig später eine CIA-Mitarbeiterin (wie, bleibt unklar, wahrscheinlich hat er sie zu Tode gelangweilt).

Atemloser, großer Moment in Minute 77: Die Haie werden zu Bond in den nächtlichen Pool gelassen, schwimmen jedoch lautlos an ihm vorbei, weil er ihnen ein anderes Opfer kredenzen kann.

83. Minute: Bond kann seinen Häschern (zu denen sein Bad-Girl-Hascherl zählt) entkommen, wird aber angeschossen und blutet! Man hat Bond selten bluten sehen, oder? Kurz darauf ein Schock im „Kiss Kiss Club“. Bond entledigt sich Fionas: „Darf ich meine Freundin hierher setzen? Sie belästigt sie nicht. Sie ist nämlich tot.“ Wie blöd sind diese Gangster?! Erschießen die falsche Person auf der Tanzfläche. Schade. Das war eine starke Frau. Zu stark???

93. Minute: Unterwassersex Bond mit Domino. „Hoffentlich haben wir die Fische nicht erschreckt“. Tja, gutes Argument. Für die Herstellung dieses Films wurden keine Fische erschreckt. Aber wenige Minuten zuvor ein Haifisch erschossen! Und in Minute 96 noch Vargas harpuniert. Bleibt noch Largo übrig. Und 27 Minuten Restfilm. Oja, wir wissen, was gleich kommt. Die große große Unterwasserschlacht. Ab Minute 108 geht es los. Das ist schon ein imposantes Gewimmel und durchaus gut gemacht. Die leicht kirmesartige Musik nervt allerdings, wie ich finde. Filmschluss in der 122. Minute: Bösewicht Largo wird nicht von Bond, sondern von Domino gekillt. Aber sie hatte ja auch noch ein Hühnchen zu rupfen…

Feuerball (1965)

Originaltitel: Thunderball

Regie: Terence Young

Musik: John Barry / Titelsong: Tom Jones

James Bond: Sean Connery / G.G. Hoffmann

Domino: Claudine Auger / Rosemarie Kirstein

Largo: Adolfo Celi / Martin Hirthe

Patricia: Molly Peters / Marianne Mosa

Fiona: Luciana Paluzzi / Margot Leonard

Felix Leiter: Rik Van Nutter / Michael Chevalier

Innenminister: Ronald Culver / Curt Ackermann

Graf Lippe: Guy Doleman / Rainer Brandt

(Blofeld: Joseph Wiseman / Wilhelm Borchert)

und

M: Bernard Lee / Konrad Wagner

Q: Desmond Llewellyn / Harald Wolff

Moneypenny: Lois Maxwell / Lola Luigi

Popkulturelle Differenzen

kehrt zurück

mit

You Only Live Twice

DoubleDSexy22Brustgewinn

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