Im Geheimdienst Ihrer Majestät

Die große James Bond Retrospektive

Ich muss gestehen, neben „Goldfinger“ in meinen Augen der beste Film der Reihe. Hier stimmt einfach fast alles: Die Action, die Geschichte, die Musik, die Landschaftsaufnahmen, die Stunts, der Gegenspieler, das Bondgirl… nur bei Bond selbst müssen wir leichte Abstriche machen – aber nicht im medizinischen Sinne! Und hier ist einer von diesen Fällen, wo ich der deutschen Fassung ganz klar den Vorzug gebe, denn der neue Bond klingt auf Deutsch genauso wie der alte. Denn er wird hier ebenfalls gesprochen vom fabelhaften Gerd Günther Hoffmann, der George Lazenby aufwertet und zumindest für deutsche Ohren zu einem echten Bond macht. Lazenby ist nicht soooo schlecht, aber mit Hoffmann oder Connery kann er einfach nicht mithalten. Also wie großartig hätte dieser Film werden können, wenn noch einmal Connery angetreten wäre? In meinen Augen hätte er damit vielleicht sogar „Goldfinger“ vom Sockel stoßen können… doch das ist nicht passiert.

Der neue Bond

Wie einst Connery wird auch Lazenby als Bond neu eingeführt. Man sieht die Zigarette, den Mund, die Hand, sein Gesicht nur schemenhaft im Schatten, seinen Rücken – doch von vorne und deutlich sieht man ihn erst, nachdem er Tracy aus dem Wasser geholt hat und sich ihr und uns mit seinem „Bond, James Bond“ vorstellt. Dass man es mit einem neuen Darsteller zu tun hat, der eine alte Figur spielt, versucht man ein wenig zu ironisieren – aber dass es ein und derselbe Bond sein soll steht außer Frage. Und das gilt auch für die Zukunft. Auch wenn es – in Doctor Who Manier – nahezu sinnvoll wäre, dass man einem Agenten einen Namen, eine Hintergrundgeschichte und eine Nummer zuteilt, der Agent selbst jedoch im Laufe der Zeit immer ein anderer ist, so ist dies hier nicht der Fall. Bond holt nach seiner vermeintlichen Kündigung Dinge aus seiner Vergangenheit aus der Schreibtischschublade, Honey Ryders Gürtel, Red Grants Uhr und seinen Tauchapparat aus „Feuerball“.

Sinnvoll wäre es auch gewesen, anzudeuten, dass er sich einer Schönheitsoperation unterzogen habe, um sein Gesicht zu verändern, was in seinem Arbeitsfeld ja durchaus hilfreich sein könnte, doch auch dazu hat man sich leider nicht entschieden. So ist es halt eben so, dass Bond im Laufe der Jahre immer mal anders aussieht und manchmal sogar ein wenig jünger wird – aber, hey, wir haben das akzeptiert, wir hinterfragen das nicht mehr, gibt also keinen Grund, das jemals zu ändern!

Die alten Klischees

Der Teaser hat, nur um das fürs Protokoll anzumerken, direkten Zusammenhang zum Film. Der Hut fliegt, so, wie sich das gehört – und das gleich zweimal. Einmal im Büro und dann wirft Bond ihn zum Abschluss auf der Hochzeit Moneypenny zu, quasi zum Abschied, um eine schöne Zeit zu beenden. Völlig schlüssig, völlig sinnvoll, völlig konsequent. Ebenso wie die weiterhin schlechten Rückprojektionen!

Wir sehen hier zum ersten – und vor der Craig Ära zum einzigen Mal – Ms Haus, die Casa del M, in der der Admiral mit seinem Butler lebt und wehrlose Schmetterlinge aufspießt.

Barry good

Was John Barry hier an Filmmusik abliefert ist schlicht großartig. Einer seiner besten Bond Soundtracks, gleichauf mit „Goldfinger“. Zwar gibt es zu Beginn des Films keinen gesungenen Song (der kommt dann später), aber die Instrumentalversion der Filmmusik hat auch ihren Reiz.

Und da sind wir bei den Dingen, die diesen Film hervorheben. Er hat eine dichte Handlung, bietet aber auch was fürs Auge. Und damit meine ich nicht die Schneehasen auf dem Piz Gloria. Es gibt wunderbare Landschaftsaufnahmen und phantastische Skisequenzen, stets untermalt von Barrys Musik. Daraus entsteht ein Gesamtbild, bei dem kaum ein anderer Film in der Form mithalten kann.

Ein weiteres großes Lob gebührt natürlich Willy Bogner, der für die großartigen Skiszenen verantwortlich ist. Das ist nicht nur rasante Action, das sieht auch noch echt aus – weil es echt ist! Jedenfalls das meiste davon. Allein dafür ist der Film schon sehenswert. Da merkt man auch kaum, dass Bond ca. 20 Minuten lang damit beschäftigt ist, zu fliehen.

Telly Savalas, den meisten wohl eher als Kojak bekannt, gibt einen hervorragenden Blofeld. Wie dereinst Gerd Fröbe ist er nicht einfach böse, sondern verleiht der Figur mehr als das Abziehbild des Obergangsters.

Nicht ganz perfekt

Natürlich wäre es zuviel verlangt, von einem Film zu erwarten, dass er perfekt ist. Dieser hier kommt schon ziemlich dicht daran heran, aber auch hier gibt es Dinge, die ein wenig über die üblichen Löcher in der Handlung hinausgehen. (Über die Anfangsszene und deren Logik denken wir besser nicht nach, denn warum sollten die Handlanger des Vaters dabei zusehen, wie sich dessen Tochter umbringen will, aber dann den angreifen, der sie davon abhält???)

Ein grooooßes Logikloch jedoch kommt aus der Umstellung der Reihenfolge… und der fehlenden Gesichts-OP! Oder sagen wir mal so: In den Büchern trifft Bond Blofeld hier das erste Mal, danach kommt dann so was wie „Feuerball“ und „Man lebt nur zweimal“. In der Filmreihe hat man aber nicht die Reihenfolge der Bücher übernommen, so dass Bond und Blofeld sich bereits einen Film vorher über den Weg gelaufen sind. Dass sich die beiden hier also nicht erkennen ist… auch nicht mit der Umbesetzung beider Schauspieler logisch zu erklären. Hinzu kommt, dass Blofeld spätestens seit „Liebesgrüße aus Moskau“ wissen sollte, wie Bond aussieht, da er wahrscheinlich ständig Bilder und selbstgedrehte Pornofilme von ihm zugeschoben bekommt und wahrscheinlich einen eigenen Bondschrein in seiner Villa hat, der nebenbei als Katzenklo benutzt wird. Eine Gesichtsoperation auf Bonds Seite hätte dieses Problem lösen können…

Hier noch ein Punkt, der gegen die Originalfassung spricht: In seinen Szenen als Hilary Bray lässt man Lazenby im Original von George Baker synchronisieren, der Hilary Bray spielt – was irgendwie komplett fehl am Platze klingt. Dieses Problem hat man auf Deutsch nicht.

Hier noch ein Punkt, der gegen die deutsche Fassung spricht: Wobei wir sagen sollten, gegen die neue deutsche Fassung. Die Erstauflage der DVD enthält zwar keinen englischen Ton, aber die alte aber leider gekürzte deutsche Fassung des Films. Für die Neufassung hat man dann die fehlenden Stellen neu synchronisiert – was okay gewesen wäre, wenn man sich nur auf die einzelnen fehlenden Sätze beschränkt hätte. Leider jedoch hat man wegen nur eines Satzes ganze Szenen neu einsprechen lassen, womit viel von der guten alten Fassung leider verloren geht. Zudem schießt man einen elementaren Bock, als Draco seiner Tochter sagt, dass er erst mit „Malone“ sprechen muss – obwohl der auf Bond bezogene Satz im Original heißt: „I will speak to him alone.“ Tja, bei der nächsten Nachsynchro vielleicht einfach mal die Untertitel einschalten!

Anfang und Ende und überhaupt

Dies war nun der sechste Streich, doch der siebte folgt sogleich. Oder so ähnlich. Was an dieser Stelle ein wenig merkwürdig anmuten sollte ist folgendes: Wir haben es mit einer etwa 24teiligen Reihe zu tun, dies war der sechste Filme – und damit sind wir mit den Adaptionen der Bücher eigentlich fast durch! Streng genommen kommen nur noch zwei Adaptionen von Romanen, „Sag niemals nie“, das Remake von „Feuerball“, und „Casino Royale“. Bei den anderen Filmen hat man sich mehr Fragmente aus den Büchern herausgenommen, teils wahrscheinlich nur Namen von Figuren. Auch wird es nicht mehr lange dauern, bis keine Romantitel mehr zur Verfügung stehen und man auf die Titel der Kurzgeschichten zurückgreifen muss (ab „For Your Eyes Only“). Und was bedeutet das nun? Ganz einfach: Gar nichts! Denn beim nächsten Mal geht es weiter mit George Lazenbys zweitem Film… oder?

— Martin Cordemann alias Null Null PeeWee Ende —

— es folgt Sonderbericht von Tillmann Courth alias Null Null Tilly —

Ha, der Lazenby-Bond! Ungewöhnlicher Film mit ungewöhnlichem Vorsetzer. Bond rettet die suizidale Diana Rigg, die ihm anschließend wie Aschenputtel davonläuft. Der neue Bond steht da, ihre Schuhe in der Hand, und sinniert meta-ironisch: „Das wär dem anderen nie passiert!“. Cooler Auftakt, und Lazenby macht eine gute Figur (war ja auch Dressman!).

Und willkommen zum billigsten und schlechtesten Vorspann der Bondgeschichte: Kein Song und Szenen aus vorherigen Filmen?! Ärmlich.

17. Filmminute: „Ziehen Sie sich an!“, sagt Bond zu Riggs Contessa, noch ehe es zu Intimitäten kommt. Das hätte der andere nie gesagt! Dann doch noch ein One-Nighter, ehe die mysteriöse Contessa wieder mal flieht.

20. Minute: Instrumentaler Anklang an „We have all the time in the world“, den Louis-Armstrong-Song, den sie als Hymne im Film versteckt haben, kommt später. Und beim Gang durch die Fabrik pfeift ein Statist „Goldfinger“, achten Sie mal drauf!

Regisseur Peter Hunt inszeniert alle Action bislang als wüste Schlägereien, die sein Cutter John Glen (führt bei fünf späteren Bonds Regie) äußerst wild schneidet.  Diese Szenen geraten viel zu unübersichtlich und lassen schon das Schnitt-Debakel von „Ein Quantum Trost“ anklingen (bereden wir dort).

27. Filmminute: Bond kündigt! Um auf eigene Faust und mit den Unterwelt-Kontakten der schönen Contessa Jagd auf Blofeld zu machen. Die Handlung dieses Films und auch seine Figuren sind erfrischend originell. Das muss man ihnen lassen.

34. Minute: Aaaah, da isses. Louis Armstrong singt „We have all the time in the world“, dazu romantische Bilder. Der kitschige Tiefpunkt des Films. Brauchen wir aber als Fallhöhe zum tragischen Finale!

Witz in Minute 39: Bond schaut sich lächelnd das Centerfold eines „Playboy“ an. Product placement! Und dann klaut er das Heft auch noch. Frech.

52. Minute: Blofelds imposante Schweizer Bergfestung ist natürlich nur ne olle Bergstation – dafür innen größer als außen (harhar, alter Set-Designer-Witz). 55. Minute: Bonds Auftritt im festlichen Kilt. Auweia! Ich find’s traumatisch. Was hätte Connery wohl draus gemacht?!

Kesser Dialog kurz danach: „Ist Ihnen nicht wohl, Mr. Bond?“ – „Nur eine kleine Versteifung“. Da hat ihm gerade eine Frau unterm Tisch untern Kilt gegriffen. Gewagt!

66. Minute: Heeeee, ich denk, Bond is inner Beziehung. Er geht fremd auf Zimmer 8. Und danach nochmal auf Zimmer 4. Zudem erweist sich, dass Schotten unterm Rock nichts tragen, um schneller schnackseln zu können.

Blofelds Scherge Grunther erinnert mich immer mehr an den TV-Komödianten Gernot Hassknecht. Wäre das nicht der viiiel bessere Name für einen Schurkenschergen?

77. Minute: Blofeld enttarnt Bond, sortiert Lametta am Weihnachtsbaum und erzählt seine teuflischen Pläne. Sein Omega-Virus sorgt für Unfruchtbarkeit bei Mensch und Tier. Hahaha. Ausgerechnet Unfruchtbarkeit. In einem Bond-Film. Ich halte das für einen Drehbuch-Gag.

100. Minute: Höchste Zeit für eine Autoverfolgungsjagd. Das Stock-Car-Eisbahnrennen, wundervoll. 105. Minute: Diana Rigg im Weichzeichner, Lazenby grinst debil – this must be love! Dann folgen auch die fatalen Worte: „Ich liebe dich. Willst du mich heiraten?“. Ist das noch Bond?

112. Minute: Die größte Action liefert ein Naturschauspiel. Eine Lawine geht ab und reißt alles (auch Bond) mit sich – toll gefilmt. 122. Minute: Duell Grunther gegen die Contessa, wobei der Scherge in ein Kunstwerk aus spitzen Nägeln fällt. „Kuuuunstweeeerk?! Das ist doch keine Kunst! Das ist doch überteuert verkaufte Kaaaaackeeee…“

129. Minute: Blofeld wird von Bond besiegt und bleibt mit dem kahlen Schädel an einer Astgabel hängen. Wieso sammelt ihn Bond dort nicht ein, sondern geht lieber heiraten? Und gibt seinem Gegner so die Chance, offenbar von weiteren Schergen (wie eigentlich?) gerettet zu werden und Bonds frischgebackene Frau zu erschießen? Häh? Das ist natürlich ein Schock auf den letzten Drücker und absolut rührend. Aber fühlt sich brutal seltsam an.  Oder war das Bonds Plan von Anfang an (Blofeld leben lassen), um aus der Heiratsnummer wieder rauszukommen?!?

Fazit dieses Einmal-Bonds: Es liegt nicht an Lazenby, dass dieser Film scheiterte. Der Mann macht seine Sache mehr als passabel. „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ ist kein richtiger Bond, weil es zu wenig Action gibt! Ein paar kleine Schlägereien bis zur 90. Minute, und zwar miserabel geschnittene. Dann endlich eine Willy-Bogner-inszenierte Skiverfolgungsjagd.

Auch das deprimierende Ende und Blofelds zu keinem Zeitpunkt bedrohlicher „Weltvernichtungsplan“ torpedieren das Bond-Gefühl, welches die Macher bislang aufgebaut hatten. Auch wenn dieser Film neue Wege geht, fragt man sich doch: Quo vadis, Bond?

Und noch eins: Ich finde, die leitmotivische Titelmusik ist prima, wird aber zu oft und zu aufdringlich eingesetzt. Ta-taaa-tatatatataaaa, Ta-taaa-tatatatataaa… ad nauseam.

Im Geheimdienst ihrer Majestät (1969)

Originaltitel: On Her Majesty’s Secret Service

Regie: Peter Hunt

Musik: John Barry / Song: Lewis Armstrong

James Bond: George Lazenby / G.G. Hoffmann

Blofeld: Telly Savalas / Martin Hirthe

Tracy: Diana Rigg / Margot Leonard

Draco: Gabriele Ferzetti / Klaus Miedel

Hammond: John Gray / Joachim Pukaß

Irma Bunt: Ilse Steppart

Sir Hilary Bray: George Baker / Heinz Petruo

und

M: Bernard Lee / Konrad Wagner

Q: Desmond Llewellyn / Horst Keitel

Moneypenny: Lois Maxwell / Inge Landgut

Für die zweite Auflage der DVD gab es eine Nachsynchro:

James Bond: George Lazenby / Erich Räuker

Blofeld: Telly Savalas / Jürgen Kluckert

Tracy: Diana Rigg / Sabine Arnhold

Irma Bunt: Ilse Steppart / Joseline Gassen

Draco: Gebriele Ferzetti / Lutz Mackensy

Q: Desmond Llewellyn / Reinhard Kuhnert

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