DVD-Tipp: Sein letztes Rennen

Dieter Hallervorden kehrt auf die große Leinwand zurück – aber nicht so, wie man das vielleicht erwartet hätte. Es ist kein „Didi“-Film, kein Doppelgänger, keine Rache der Enterbten, es ist ein eher trauriger Film mit humorigen Zügen, der sich nicht mit dem alt werden beschäftigt, sondern mit dem alt sein.

Rückblick

Man hat Dieter Hallervorden schon immer Unrecht getan, wenn man ihn auf „Nonstop Nonsens“ reduziert hat. Nehmen wir drei Aspekte seiner Karriere, die zeigen, wie viel tatsächlich schon immer in ihm gesteckt hat. Da ist sein Auftritt als Killer in dem Wolfgang Menge Film „Das Millionenspiel“, da ist seine Arbeit im politischen Kabarett und dann ist da auch noch „Nonstop Nonsens“. Böser Killer, politischer Kabarettist, Spaßmacher. Drei unterschiedliche Bereiche, die seinen schon immer da gewesenen Facettenreichtum zeigen. Dass ich seine bekannte und beliebte Serie als letzten Punkt aufführe, hat einen Grund. Ich habe sie nämlich vor kurzem noch einmal komplett gesehen. Und auch wenn heute nicht mehr alles funktioniert, kann man das nicht plump als Klamauk abtun, denn es steckt weit mehr dahinter. Die Folgen waren 45 Minuten lang und verbanden zwei Dinge miteinander: kurze Sketche und eine durchgehende Geschichte. Das lässt es heute vielleicht etwas anstrengend erscheinen, heutzutage würde man daraus zwei eigene Serien machen, aber es war etwas, das die Serie auch heute noch von vielem in diesem Bereich der Unterhaltung unterscheidet und sie davon abhebt. Hinzu kommt noch, und das hat noch mehr Wert, dass die Stunts alle selbst gemacht waren. Und das wirft ein ganz schlechtes Licht auf das heutige Hollywood, wo viele Stunts eher im Computer entstehen oder Leute vor eine Bluescreen agieren: bei „Didi“ ist alles noch handgemacht – und das von Dieter Hallervorden selbst. Er ist also nicht nur Autor und Schauspieler, sondern auch noch sein eigener Stuntman. Also wenn man es mal so betrachtet, dann sollte es einen nicht verwundern, dass er sein Comeback mit diesem Film feiert!

Alte Menschen im Altenheim

Olympiasieger Paul Averhoff (Dieter Hallervorden) altert und muss, zusammen mit seiner Frau, ins Heim. Hier können wir froh sein, dass wir nur einen Hauch davon erleben müssen, wie schlimm es im Altersheim wirklich sein muss, jedenfalls, wenn man es mit einem Pflegeheim vergleichen kann, und das wäre ein Gruselfilm für sich. So verzichten wir auf wirklich schlimm vor sich hinvegetierende oder vor sich hin jammernde Menschen und erleben eher den Umgang mit denen, die eigentlich noch zu mehr in der Lage wären, die man aber mit sinn- und geistlosen Übungen wie dem Basteln von Kastanienmännchen abspeist. Das ist der Punkt, an dem aus Averhoff der Rebell wird, der sich gegen diese geistlose Tätigkeit auflehnt. Die Folge ist natürlich Zuspruch und ziviler Ungehorsam bei den Mithäftlingen, Verzeihung, Heimbewohnern. Und er findet das, was jeder braucht, um seine Zeit im Gefängnis eines Altersheims zu überstehen, nämlich ein Ziel: Er, der 1956 als Marathonläufer bei Olympia gewonnen hat, will beim Berlin Marathon mitlaufen. Also beginnt er zu trainieren…

Laufen gegen die Ausweglosigkeit

Dass das natürlich nicht ohne Komplikationen abläuft, kann man sich denken. Nun ist es hier aber auch die Heimleitung, die ihm, der er für sich einen Weg gegen die Trostlosigkeit gefunden hat, ständig Steine in genau diesen Weg legt – was wahrscheinlich mit der Wirklichkeit durchaus im Einklang ist, traurigerweise. Seine Rebellion geht also weiter, gegen die Trostlosigkeit und gegen das System, das ihn an seinem Weg hindern will.

Wenn man „Sein letztes Rennen“ mit einem Wort umschreiben sollte, dann wäre das wahrscheinlich „menschlich“. Es ist ein Film von Menschen mit Menschen über Menschen – das Gegenteil eines synthetischen Hollywoodblockbusters. Es ist ein Film mit komischen und tragischen Zügen, in der zweiten Hälfte eher mit letzteren.

Deutsche Filme kranken für mich oft am etwas gekünstelten Spiel der Schauspieler. Das bietet dieser Film nicht, alle wirken angenehm natürlich, allen voran Dieter Hallervorden und seine Filmehefrau Tatja Seibt, aber auch die wohl meinende aber schlecht handelnde Therapeutin und das wundervolle „Rentnerensemble“.

Auch wenn er ab 6 Jahren freigegeben ist (trotz Nacktszene von Hallervorden), bin ich allerdings nicht sicher, ob er für Menschen unter 30 Jahren wirklich geeignet wäre, denn es kommt nur zweimal ein Handy drin vor und es geht um wirklich, wirklich alte Leute. Vielleicht sollte man die Altersgruppe von 14 bis 29 erstmal auslassen, ab 30 würde ich ihn aber absolut empfehlen – damit man sich schon mal darauf einstellen kann, was kommen wird. Und weil es ein guter Film ist!

Bonus

Die Interviews mit Hallervorden und Regisseur Kilian Riedhof sind informativ und interessant und zeigen Hallervorden (wie auch die bei „Nonstop Nonsens“) als intelligenten Menschen, der im wahren Leben nichts von seinem „Didi“-Image hat. Das kommt auch im Audiokommentar mit den beiden durch. Beide Kommentare – der andere ist neben dem Regisseur auch mit Ko-Autor Marc Blöbaum und Komponist Peter Hinderthür – sind interessant und geben gute Einblicke in die Entstehung des Films sowie die Gedanken und Intentionen der Filmemacher. Wenn man Gefallen an diesem Film gefunden hat, ist das ein schöner Bonus. Passenderweise gibt es auch eine Hörfilmfassung – hilfreich auch für ältere Zuschauer.

Also:

Ein schöner Film von Universum Film, ab dem 28. März 2014 als DVD, Blu-ray und Video on Demand.

von Martin Cordemann

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