Moonraker – streng geheim

Die große James Bond Retrospektive

Nein, wir haben die letzte Episode nicht mit der falschen Ankündigung beendet. Am Ende von „Der Spion der mich liebte“ wird als nächster Bond Film „For Your Eyes Only“ angekündigt und wer wären wir, dass wir den großartigen Machern der Bond Filme widersprechen würden? Nun, wahrscheinlich hatte man auch vor, den nächsten Film so zu benennen, doch dann passierte „Krieg der Sterne“ und Weltraum war auf einmal in und cool und toll und dann fiel ihnen auf, dass sie ja sogar einen entsprechenden Titel („Moonraker“ – meine Ausgabe des Buches heißt „Mondblitz“) gab, also, wird der Gedankengang gewesen sein, seien wir nicht mehr Wegweiser sondern folgen den Trends und… folgen diesem Trend und bringen Bond ins Weltall. Juchee!

Remake my day

Natürlich ist es schon ein bisschen dreist, quasi zwei Jahre nach dem Erscheinen des letzten Films ein Remake genau diesen Films zu machen – aber letztendlich ist „Moonraker“ nicht viel anderes: Ein wahnsinniger Superschurke will die Welt zerstören, um dann später mit einer Superrasse um die Ecke zu kommen. Ob er dabei nun auf dem Meeresboden lebt oder in ner Raumstation macht den Braten nicht fett, die Handlung ist dieselbe. Drax trägt sogar alte Klamotten von Stromberg auf, na ja, das vielleicht nicht, aber die Markierung seiner Hubschrauber sieht aus wie das Negativ von denen Strombergs. Vielleicht hat er die ja alle aufgekauft, nachdem Stromberg aus dem Geschäft war.

Da fragt man sich doch, wie das in der Superverbrechergemeinde so zugeht, ich meine, haben die keine monatlichen Treffen, wo sie sich miteinander absprechen? Was, wenn Stomberg jetzt die Welt zerstört hätte? Da hätte Drax doch ganz blöd dagestanden. „Hey, das hatte ich doch auch vor!“ Tja, Leute, nächstes Mal besser miteinander absprechen!

Star Tease

Aber zurück zum Film. Der Teaser bietet wieder etwas für die Handlung des Films wichtiges – und wieder verpulvert Gilbert seine beste Actionsequenz noch vor dem Vorspann! Die Actionszene mit den Fallschirmen ist einfach grandios. Wunderbar untermalt wird sie von der Musik von John Barry, der hier wieder einen schönen Soundtrack und einen gelungenen Titelsong abliefert. Auch sein 007 Thema gibt sich ein letztes Mal die Ehre, in einer Szene mit Booten – also genau so, wie wir es zum ersten Mal gehört haben. Höhepunkt ist jedoch, wie gesagt, die Fallschirmszene am Anfang, wo Barry einmal mehr beweist, wie großartig das Bond Thema zu guter Action passt.

Es fliegt sogar ein Hut – aber der eines Gondolieri. Ob das als Anspielung auf die alten Hutwerfsequenzen gedacht war, hmmm, sicher wäre ich mir da nicht, dafür liegt das alles zu lang zurück. Ein großes Comeback erleben aber die schlechten Rückprojektionen, die hier mal wieder zeigen, was sie drauf haben.

Buchmacher

Kleiner Exkurs: Im Buch zum Film heißt die Figur der Corinne Dufour noch Trudi Parker, Hugo Drax hat – welche Überraschung – wahrscheinlich eine deutsche Vergangenheit und der Beißer wird konsequent als „Jaws“ bezeichnet, auch wenn das in beiden Filmen nicht der Fall war. Ein weiterer Nachteil der deutschen Übersetzung ist die Verwendung des Begriffs „vermag“, Bond vermochte dies nicht zu tun. „Vermag“ ist in diesem Zusammenhang ein Wort, das in bestimmten Zeitperioden durchaus angemessen erscheint, in allem, was mit Zukunft und Weltraum zu tun hat, aber völlig fehl am Platze ist. Auch die deutsche Fassung von „Star Trek: Voyager“ vermag mich nicht zu überzeugen, da auch hier z.B. Fähnrich Kim sagt: „Ich vermag das Kraftfeld nicht zu durchbrechen!“ Das klingt nicht nur ungelenk, sondern unangebracht. Anders dagegen, wenn Hannibal Lecter über das, was der multiple Meeks in der Zelle nebenan alles so riechen kann, gesteht: „Ich selbst vermag das nicht.“

Vorreiter war einmal

Wir hatten ja schon beim letzten Film gesehen, dass Bond seiner Zeit nicht mehr voraus ist, sondern ihr inzwischen hinterher hinkt. Auch in diesem Film gibt es diverse Anspielungen und Zitate auf andere Filme: Der Hornbläser bei der Jagd spielt die ersten Töne von „Also sprach Zarathustra“, ein klarer Hinweis auf „2001 – Odyssee im Weltraum“; der Code, mit dem man die Labortür öffnet, ist die gleiche Melodie wie bei „Unheimliche Begegnung der dritten Art“; Bond sagt „Play it again, Sam“, eine Anspielung auf „Casablanca“ (oder Woody Allen?) und dann wird noch die Musik von „Die glorreichen Sieben“ eingeblendet, als Bond cowboymäßig unterwegs ist (obwohl hier eine Anspielung auf einen Clint Eastwood Western seiner Kleidung angemessener gewesen wäre).

Diesmal ist mir sogar die Schleichwerbung aufgefallen: aufdringlich drängen sich 7UP, Marlboro und Seiko ins Bild. Subtilität sieht anders aus.

Aus dem einst brutalen Beißer wird nun eine Cartoonfigur und zum Glück bleibt uns seine Darstellung als handzahmer Familienvater im nächsten Film erspart.

Trotz allem sagt mir „Moonraker“ weit mehr zu als „Spion“, ich halte ihn für den unterschätzten Film der Reihe. Gut, das Finale langweilt mich wie die meisten Finalen, es ist „Feuerball“ mit Astronauten statt Tauchern, aber vorher hat der Film durchaus seine Qualitäten. Und einen hervorragenden Bösewicht! Hugo Drax hat sehr schöne böse Texte und Michel Lonsdale spielt das mit einer höflichen Zurückhaltung. Das ist schön und macht Spaß.

Aaaaaaaber…

Man hinterfragt ja die Logik bei Bond Filmen eher selten. Und doch… das hier versucht, Science Fiction zu sein. Gut, das war Bond irgendwie immer, aber hier begibt er sich an einen Ort, wo er eigentlich nicht hin gehört. Und das Problem bei Science Fiction ist – wie wir erst jüngst bei „Prometheus“ und „Star Trek Into Darkness“ gesehen haben – dass so was immer schlecht ausgeht, wenn die Leute, die es schreiben, keine Ahnung von Science Fiction haben. Also wie zum Henker soll das mit der Raumstation vonstatten gegangen sein? Wie hat Drax die im Orbit zusammengebaut? Das Teil – sehr schöne Inneneinrichtung von Ken Adam – sieht so aus, als wären allein hundert Shuttleflüge nötig gewesen, um alle Teile da rauf zu bringen. Und dann braucht man noch jemanden, der sie zusammenschraubt. Aber als sie dort ankommen, ist niemand da. Also wie hat er das gemacht? Und nur, weil das Ding ein Radarstörgerät hat, wird es dadurch nicht unsichtbar. Also jeder Astronom mit einem ordentlichen Fernrohr hätte das Ding gesehen, wenn er zufällig in die richtige Richtung geguckt hätte. Das ist also schlicht und ergreifend Schwachsinn!

Nun, da wir also den Weltraum hinter uns haben, was mag da als nächstes kommen, wie mag man das übertreffen wollen? Mars? Zeitreisen? Paralleldimensionen? Wir werden sehen…

— Martin Cordemann alias Null Null PeeWee Ende —

— es folgt Sonderbericht von Tillmann Courth alias Null Null Tilly —

Jetz simmer abba jespannt: Regisseur Lewis Gilbert zum dritten (und letzten). Nach „Man lebt nur zweimal“ und „Der Spion, der mich liebte“ schießt er Bond auf den Mond. Na, fast. „Moonraker“ ist der Weltraumbond, angeblich vom Erfolg von „Star Wars“ inspiriert.

Auf den geilsten Vorsetzer der Bondgeschichte (Bond fällt ohne Fallschirm aus Flugzeug, holt sich jedoch unterwegs einen, der Beißer verfolgt ihn und plumpst ins Zirkuszelt!) folgt der uninspirierteste Vorspann aller Bondfilme mit dem Song mit Shirley Bassey, den niemand im Ohr hat: „Moonraker“? Ja, der Song heißt so und ist nach exakt 30 Sekunden für immer vergessen.

8. Minute: Moneypenny wirkt gealtert, oder isses nur diese scheußliche Pudelfrisur?!

13. Minute: Bonds baldiger Gegenspieler Drax ist verrückt – er hat ein Schloss aus Frankreich in Kalifornien aufgebaut und „den Eiffelturm gekauft“ (darf ihn aber nicht abtransportieren). Herrlich drüber! Drax hat den wilden Haarwuchs eines Wookies (Sie erinnern sich, „Star Wars“) und hält noch wildere Hunde, die nur auf seinen Befehl hin mit dem Verzehr des ihnen hingeworfenen Futters beginnen. Jeder, der der auch wilde Hunde hält, weiß, wie schwierig das ist!

17. Minute: Auftritt des „Bond-Girls“ Lois Chiles als „Dr. Goodhead“. Der nach „Pussy Galore“ wohl unverschämteste Name, den Fleming seinen Frauenfiguren verpasst hat. 10 Euro in die Pascha-Kasse! Dann folgt auch schon Bonds Höllentrip im „Zentrifugentrainer“, den der schlitzäugige Handlanger von Drax manipuliert. Nach Oddjob und Schnickschnack weitere Asiaphobie mit Chang! Moore sieht anschließend fies mitgenommen aus und sagt auch nix mehr. Krass! Kein Spruch, Alter?

27. Minute: Die Treibjagd beginnt. Also im wörtlichen Sinne. Drax schießt in Jägerkluft Fasane, Bond soll in die Kugeln laufen. Der aber nimmt seinen Sniper gekonnt aufs Korn. Keine logische Szene, aber skurril und originell. Danach lässt Drax seine Assistentin von den Hunden zu Tode hetzen – für mich die grausamste Szene aller Bondfilme. Teilweise in Zeitlupe gefilmt und mit schwelgerischer Musik unterlegt. Echt fies. Sadistisch. Zwiespältig!

36. Minute: Ein heißgeliebtes Kabinettstückchen ist die komödiantische Verfolgungsjagd mit Gondeln in Venedig. Umso unpassender erscheint die vorangegangene bestialische Ermordung der zauberhaften Corinne.

44. Minute: Ein „Bus“, ein Schockmoment, wie man ihn aus den Gruselfilmen von Jacques Tourneur kennt: Chang springt aus dem Off in einer (wat is dat?) Kendo-Kampfmontur auf Bond los. Der Kampf beraubt das Glasmuseum seiner meisten Exponate. Spätestens ab jetzt zeigt „Moonraker“ deutlichen Willen zur Comedy. Chang endet kopfüber in einem Piano – also bitte! Venedig, Nacht, Balkon: Lois Chiles schaut aus wie der Parfümwerbung entsprungen. Bond enttarnt sie als CIA-Agentin und tut sich mit ihr zusammen – in jeder Hinsicht. Next Stop: Brasilien! Eine Concorde der Air France liefert Bond dort ab, achja, Concorde.

53: Minute – der „Ersatzmann für Chang“ trifft ein, es ist der Beißer! Sein Gebiss piept an der Sicherheitsschleuse im Flughafen. Golden comedy moment. Es naht eine nächste Klassikerszene, der Karneval in Rio. Eine meiner Bond-Lieblingsszenen, weil sie wirklich unheimlich ist. Eine triste Seitengassee voller Müll entlang wankt eine gespenstische Karnevalsfigur (57. Minute), darin steckt der Beißer, von Mordgedanken besessen. Großartige Auflösung des Schreckens ist, dass gar nichts passiert, denn die feierfröhliche Menge spült den Beißer einfach davon.

63. Minute: Seilbahnfahrt am Zuckerhut. Bond und Goodhead ringen mit dem Beißer und Rückprojektionen. Am Ende entsteigt der Beißer den Trümmern der gestrandeten Kabine und trifft auf seine goldbezopfte, dickbusige Gretel – Beißer in love! Geigen setzen kitschig ein (67. Minute) – die absolut groteskeste Szene des Films. Was geht denn hier ab?

71. Minute: Im Kampfkloster-Geheimquartier des MI6 schießt ein Mönch mit einem Lasergewehr. Welcome to Star Wars! Gleich geht’s los, gleich geht’s lohooos…

76. Minute: Spektakuläre Bilder bei der Motorbootverfolgungsjagd auf dem Amazonas. Minen, Torpedos und ein monströser Wasserfall, in welchen der Beißer hineinköppert. Hoffentlich rostet der Gute nicht! Bond segelt mit einem Lenkdrachen aus der Gefahrenzone.

84. Minute: Bond und Goodhead stehen ungünstig beim Start von Moonraker5, nämlich direkt unterm Triebwerk! „Sterben Sie wohl!“ (Drax). Bond aber kann sich einen Ausgang sprengen und entkommt den Flammen, die in den Fluchttunnel züngeln. Auch das fand ich als Jugendlicher beeindruckend. Nach dem 5. „Raumpendler“ startet auch sofort der 6. (die USA hatten auf dem Höhepunkt des ECHTEN Space Shuttle-Programms nie mehr als 3, oder?). 

89. Minute: We’re in space, people. Von hier an wird’s Science Fiction. Drax nämlich hat sich eine riesige Raumstation gebastelt (unbemerkt, Hallometer?!) – da wird natürlich tüchtig angedockt! Dazu üble Sphärenmusik mit Frauenchören. Es folgen vieleviele selbstverliebte Weltraumbilder. Gott ist das langsam. Irgendwie isses „Mondbasis Alpha Eins“… Auch kippt der Film jetzt phasenweise ins Englische (Weltraumsprache und Kontrollzentrums-Lingo, total authentisch, Mann).

96. Minute: Drax‘ teuflische Pläne – Erschaffung einer Superrasse. Drax = Hitler. Fieser Möpp. Bond dreht den Beißer mit Psychotricks um (104. Minute). Drax wird böse: „Bring Sie weg , Beißer!“ – Genau, Beißer, who’s your daddy? Ich bin dein Vater, Beißer.

Dann beginnt auch schon die Weltraumschlacht (106. Minute). Dutzende Typen in Raumanzüge beharken sich mit blauen und grünen Lasern (die dabei im luftleeren Raum Geräusche machen, ja klar, seufz), erinnert stark an das Unterwassergerangel in „Feuerball“. Astronauten dringen in die Raumstation, und wir erleben das Gilbertsche Syndrom: Mann-gegen-Mann-Kriegführung mit viel Explosionen und Heruntergestürze von Kommandobrücken. Wo kommen eigentlich all die Kerle her? Auf der Erde hat man uns in Drax‘ Hauptquartier nur miniberockte RaumfahrerINNEN gezeigt. Und wieso dürfen die jetzt nicht mitkämpfen? It’s a man’s warworld.

110. Minute: Bond komplementiert Drax mit den frechen Worten „Es ist nur ein kleiner Schritt für Sie, aber ein großer Schritt für die Menschheit“ aus der Luftschleuse ins Weltall. Hübsch. Dann geht noch die Raumstation krachend aus dem Leim. Der Beißer spricht vier Worte: „Auf uns, alles Gute!“ und stößt mit Champagner und seiner Gretel an. Dann segeln beide in einem Modul ins Weltall, wie einst Darth Vader am Schluss von „Star Wars“!

Und was noch dreister kopiert ist: Bond muss wie Luke Skywalker einen Präzisionsschuss absetzen – und tut dies seinem Gefühl nach mit der manuellen Steuerung. Fehlte bloß noch, dass der Geist von Connery um  ihn schwebte! Finale ist Sex in der Schwerelosigkeit. Das kann man sich nicht entgehen lassen.

Fazit: „Moonraker“ ist der fraglos beste Bond von Lewis Gilbert. Nach Hamiltons „Leben und sterben lassen“ der zweite Comedy-Bond. Dennoch inszeniert Hamilton die Komödie feiner und somit besser. „Moonraker“ ist eigenartig. Solider Agententhriller mit vielen memorablen Szenen für die Ewigkeit. Krankt leider an dem völlig übertriebenen Science-Fiction-Ende, welches selbst 35 Jahre nach der Filmpremiere keinen Funken an Glaubwürdigkeit dazugewonnen hat.

Was mir auffiel: Moore wirkt hier bereits ziemlich alt (er ist 51). Das wird in den nächsten Filmen nicht besser. Älter als Connery je gewirkt hat. Ich erinnere mich daran, seinerzeit im Kino über den Anblick Moores in „Im Angesicht des Todes“ SCHOCKIERT gewesen zu sein (noch drei Filme und sechs Jahre). Oh weh, oh weh.

Moonraker – streng geheim (1979)

Originaltitel: Moonraker

Regie: Lewis Gilbert

Musik: John Barry / Titelsong: Shirley Bassey

James Bond: Roger Moore / Niels Clausnitzer

Hugo Drax: Michael Lonsdale / Heinz Petruo

Holly Goodhead: Lois Chiles / Viktoria Brams

Corinne Dufour: Corinne Clery / Heidi Fischer

Beisser: Richard Kiel / Hartmut Neugebauer

Sir Frederick Gray: Geoffrey Keen / Harry Kalenberg

General Gogol: Walter Gotell / Walter Reichelt

und

M: Bernard Lee / Wolf Ackva

Q: Desmond Llewellyn / Manfred Schmidt

Moneypenny: Lois Maxwell / Emely Reuer

Popkulturelle Differenzen

kehrt zurück

mit

For Your Eyes Only… Again!

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