In tödlicher Mission

Die große James Bond Retrospektive

Der erste Bond, den ich im Kino gesehen habe, der erste Bond, den ich überhaupt gesehen habe – und einer der besten von Moore, wie ich finde. Nachdem man bei „Moonraker“ ein wenig über das Ziel hinausgeschossen war, kehrt man hier wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, sogar mit einer Geschichte, die mit Spionage und den Russen zu tun hat, auch wenn die nur im Hintergrund agieren. Aber fangen wir da an, wo die meisten Bond Filme anfangen…

Tease me, Mr. Bond

Dieser Teaser hat tatsächlich nichts mit dem Film zu tun – dafür aber mit den Filmen. Klingt wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Für die nachfolgende Handlung ist er ohne Bedeutung, aber er geht auf vorhergegangene Dinge ein, genau genommen auf „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“. Eine – aus rechtlichen Gründen – nicht offiziell als Blofeld identifizierte Figur mit Glatze, Katze und Halskrause, versucht Bond umzubringen, der gerade das Grab seiner Frau Teresa besucht, die laut Grabstein 1969 verstorben ist. Wieder einmal ein klarer Hinweis: dies ist ein und dieselbe Figur.
Wenn man schon in der Vergangenheit schwelgt, darf die schlechte Rückprojektion natürlich nicht fehlen. Selbst der Hut darf ein weiteres Mal fliegen, ich spekuliere, zum letzten Mal.
Was dagegen fehlt ist M, da dessen Darsteller Bernard Lee kurz vorher verstorben war und man ihn damit ehrte, seine Rolle nicht direkt neu zu besetzen (das kommt erst im nächsten Film).
Eine seltene Ausnahme stellt der Vorspann da, in dem wir erstmals die Sängerin des Titellieds bei der Arbeit beobachten können. Die Musik stammt diesmal von Bill Conti und entspricht mehr ihrer Zeit als der Zeitlosigkeit eines guten Barry Soundtracks. Wenn das Bond Thema auftaucht funktioniert es ganz gut, ansonsten ist die Musik eher mau – aber ich schätze, das sag ich wahrscheinlich über jeden Soundtrack, der nicht von Barry ist. Ausgenommen vielleicht David Arnold… zu Brosnan Zeiten, nicht danach!

Der Name ist…

…diesmal erstmals nicht von einem Bond Roman, denn den letzten Titel der Bücher hatte man für „Moonraker“ verbraucht – abgesehen natürlich von Flemings erstem Roman „Casino Royale“, für den man aber zu dieser Zeit die Rechte noch nicht besaß. Mit „For Your Eyes Only“ wird also erstmals der Name einer Fleming Bond Kurzgeschichte verwendet. Um mal einen kleinen Schlenker zu machen, Lazenby und Moore sind einzigen Bonds, bei denen die Filme alle originale (oder fast, wie wir in zwei Filmen sehen werden) Titel von Fleming tragen. Bei Connery fällt „Sag niemals nie“ heraus, bei Dalton „Licence to Kill“, Brosnan hat keinen einzigen Flemingtitel und bei Craig ist es bislang „Durchfall“, äh, „Skyfall“, der keiner ist – obschon noch ein paar Originaltitel zur Verfügung stünden: „Risiko“, „The Property of a Lady“, „The Hildebrandt Rarity“ und „007 in New York“. Damit dürften die Fleming Titel dann aber wohl ausgeschöpft sein.
Für den Leser der Bücher – wie mich – war es damals schön, in den Filmen Elemente der Geschichten zu finden. Das werden wir in dem einen oder anderen Film der nächsten Zeit auch tun – dürfte sich dann aber ebenfalls mit Brosnan überlebt haben.

Zurück auf den Boden der Tatsachen

Interessanterweise hat dieser Film viele Elemente der Bond Reihe, ohne einem damit aber auf den Nerv zu gehen. Wir haben Action im Schnee, Action unter Wasser und, ich glaube erstmals, Action beim Bergsteigen. Und doch hebt er nicht so sehr ab, wie sein Vorgänger. Fast schon symbolisch erscheint es da, dass der Lotus in die Luft gesprengt wird und Bond mit einer klapperigen Ente vorlieb nehmen muss. Zurück zu den Wurzeln – und es funktioniert gut.
Überhaupt bietet der Film jede Menge guter Action, sei es die Verfolgungsjagd mit der Ente, seien es die diversen Verfolgungsjagden auf oder mit Skiern. Sei es im Wald gegen Motorräder, sei es auf einer Bobbahn… gegen ein Motorrad, einfach aufregend. Auch hier gebührt wieder Willy Bogner die Ehre, den Wintermord von seiner spannendsten Seite zu zeigen.
Vom Pfad des Bondes weicht der Film in einer Weise ab: Wir wissen nicht, wer der Gegner ist. Als wäre der Name des Verdächtigen, Columbo, Inspiration dafür gewesen, diesmal nicht mit einem großen Oberschurken zu arbeiten, sondern den Zuschauer zusammen mit Bond auf falsche Fährten zu locken und beide erfahren zu lassen, wer eigentlich wirklich hinter allem steckt.

Die schlimmsten Bondgirls aller Zeiten

Und hier haben wir sie, die andere: Bibi, die zwölfjährige Schlittschuhläuferin. Gut, sie ist älter, aber nicht viel – und sie verhält sich nicht so. Eine der nervigsten weiblichen Bond Figuren, die so anstrengend ist, dass nicht mal Bond sie schändet. An ihrer Jugend und „Unschuld“ kann es nicht gelegen haben, denn das hat ihn bei Solitaire auch nicht davon abgehalten.
Eine der Szenen aus dem Buch „Leben und sterben lassen“, die ein Boot, ein Tau, zwei Opfer und diverse Haie beinhaltet, findet sich hier auch wieder – leider aber nicht mit Bibi als Haifischfutter.

Game of Bonds

Zwei britische Größen, die später auch in der Serie „Game of Thrones“ auftreten sollen, gehören zur Besetzung dieses Films. Julian Glover, der auch in „Das Imperium schlägt zurück“ und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ mit von der Partie ist, spielt Kristatos. Eine der ersten Rollen dürfte das hier jedoch für den noch sehr jung wirkenden Charles Dance sein, der inzwischen zu einem der Glanzpunkte der oben genannten Fantasyserie gehört.
Fast schon, als wäre es aus ebendieser Serie, nimmt sich das Finale des Films aus. Statt auf massig Explosionen und viel Geknalle legt man diesmal scheinbar Wert auf andere optische Reize. So ist die Umgebung, in der sich der Showdown zuträgt, atemberaubend. Für mich einer der besten Filme der Reihe, zumindest, was Moore angeht.

— Martin Cordemann alias Null Null PeeWee Ende —
— es folgt Sonderbericht von Tillmann Courth alias Null Null Tilly —

Das ist der Film, den ich mir nie merken kann. Bestimmt dreimal gesehen. Ich hab dennoch keine Ahnung, was drin passiert. Das ist aber auch nicht der einzige Bond, bei dem es mir so geht. Alle mit Pierce Brosnan gehen mir komplett durcheinander. Der eine ist mit Jonathan Pryce als größenwahnsinnigem Zeitungszar – aber welcher? Doch zurück zu „In tödlicher Mission“, worum auch immer es sich hier handeln mag!
Das Poster zum Film (1981) übrigens war spektakulär und wurde seither ca. 50 Mal mindestens kopiert. Der Betrachter sieht Bond im Hintergrund – durch zwei lange, nackte Frauenbeine hindurch. Ein Meisterwerk der „erotic art“.
Ach, HIER ist der Vorsetzer, in dem Bond endlich Blofeld killt (wir beenden das „loose end“ aus dem Lazenby-Film). Aber auch gemein, den einsamen Blofeld (im Rollstuhl!) so einfach auf die Kufen des Helikopters zu nehmen und in den Schornstein zu kippen! Ich denke, Blofeld WOLLTE sterben. Weshalb sonst stellt er sich allein und behindert auf einer Industriebrache seiner Nemesis, die auch noch über einen Hubschrauber verfügt?!
Also mal ehrlich. Die Logik von Bondfilmen darf man auch null hinterfragen…
Im Vorspann ist Sheena Easton, die Sängerin des Titelsongs „For Your Eyes Only“, prominent zu sehen! Das gab es auch nie zuvor und nie danach, oder?
Ich freue mich, mal wieder eine Kalter-Krieg-Handlung zu sehen: Durch einen dummen Unfall (Seemine an Bord gefischt, tzztzz) sinkt ein britisches Spionageschiff vor Albanien, dessen Ausrüstung den Russen nicht in die Hände fallen darf. Bond wird losgeschickt, die Hintermänner eines Attentats auf die Bergungscrew zu werfen. Zugleich etabliert der Film die Tochter der Ermordeten (Melina) als Elektra-artige Rachefee. Melina-Darstellerin Carole Bouquet traut man die Posterbeine zu, auch wenn sie einen flauschigen Damenbart trägt.
19. Minute: Wieder mal eine mit Bikinischönheiten überbevölkerte Pool-Szene. Dort lebt der Killer Hector Gonzales in einer Art Killer-WG. Bond gelingt erstmal gar nichts. Melina tritt auf den Plan, tötet Gonzales und verhilft Bond zur Flucht (dessen Lotus, Kuckuck!, in Minute 22 EXPLODIERT, weil er von einem Bösewicht geknackt zu werden drohte). Was für eine schwachsinnige Diebstahlsicherung ist das denn?!
Es folgt die Verfolgungsjagd in der gelben Ente durch spanische Olivenhaine. Sieht aus, als wolle sich „In tödlicher Mission“ als nächster Comedy-Bond gerieren.
31. Minute: Der nächstranghöhere Bösewicht ist gefunden, dank eines Phantombilds, das Q mühsam an einem Computer generiert. Papier und Stift wären schneller gegangen. Bond erhält einen neuen Lotus (diesmal in Rot) und reist ins winterliche Cortina D’Ampezzo, um Locque zu jagen.
35. Minute: Glühwein mit dem großen Griechen. Gewährsmann Kristatos gibt Tipps, und Elektra-Melina wird diesmal von Bond vor zwei Motorradrowdies gerettet. Ab der 43. Minute lauern weitere Motorradrowdies Bond auf – sowie der scharfschießende Teilnehmer eines soeben stattfindenden Biathlons (sollte der nicht beim Biathlon sein?). Auch Locque mischt sich ein. Kurzes Verschnaufpausen-Intermezzo, als Bond von einer Skischanze springt, dann geht die wilde Jagd durch den Schnee weiter. Bond entkommt, muss sich aber den nächsten Rüpeln bereits in Minute 54 in der Eishockeyhalle stellen. Komödiantisches Abräumen dreier Gegner ins Hockeytor. Herber Moment vor der Halle: Kontaktmann Luigi ist von Locque getötet worden. Das Sterben von Nebenfiguren erinnert uns daran, dass wir es hier mit ernsten Sachen zu tun haben (sonst wäre es bereits „Austin Powers“)!
Wir schalten um aufs malerische Korfu, wo Melina wieder ins Spiel kommt – und obligatorische Folkloreszenen (Feigenessen, Sirtaki, Tempel am Meer). Im örtlichen Kasino trinkt Bond einen Ouzo (schwere Entgleisung!).
61. Minute: Oberbösewicht Columbo (nicht der Detektiv!) erscheint auf der Szene. Bond macht sich an seine Gespielin ran, eine gierige deutsche Gräfin, die erste Eroberung in diesem Film (die mannstolle Eisprinzessin Bibi hatte er zuvor abgewiesen). Am nächsten Morgen ereilt sie das Schicksal vieler Bondscher One-Night-Stands – der TOD (hier am Strand von Locque mit dem Strandbuggy überfahren).
Gekonnter Verwirrmoment in Minute 68. Bond wird erneut gerettet als Locque auf ihn anlegt, aber nicht von Elektramelina, sondern Columbos Leuten! Was geht appa??? Die Handlung dreht sich: Der schelmische Columbo ist der Gute, und Kristatos der Finsterling! Eine hübsche Drehbuchfinte.
Nach der Schießerei der gegnerischen Schmugglerbanden macht Bond endlich Jagd auf Locque: Angeschossen hängt er in einem Autowrack (Mercedes) über der Klippe, als ihm Bond den entscheidenden Stoß hinab versetzt („Er war schon immer sehr runtergekommen“, 76. Minute).
82. Minute: Bond und Melina entdecken auf Tauchgang das Wrack des gesuchten Spionageschiffs, leider werden sie dabei im Gegenzug von Kristatos entdeckt. Unterwassergerangel mit Gegner in Tiefseetauchmontur, dem Bond den Kopf wegsprengt. Heavy! Ein Kampf der Tauch-U-Boote schließt sich an. Bond obsiegt, doch über Wasser wartet schon Kristatos mit seinem neuen Henchman – Erich, der blonde Biathlon-Riese.
94. Minute: Aneinander gefesselt werden Bond und Melina hinter Kristatos‘ Yacht durchs Wasser gezogen, dabei werden Haie angelockt. Simple, aber effektive Szene – so wird’s gemacht. In der 99. Minute verrät der Schiffpapagei essentielle Informationen zum verschwundenen A.T.A.C.-Gerät. Für die Herstellung dieses Films wurde kein Tierklischee ausgelassen. Noch’n Gag: Q sitzt als orthodoxer Pope kostümiert im Beichtstuhl. Hat aber weder Infos noch Gimmicks, ist somit auch nur ein Gag!
Und wir kommen zum Finale: Das Kloster auf der steilen Bergspitze! Schöner Stunt in Minute 106 (Bond stürzt vom Berg in sein Seil), General Gogol naht im Hubschrauber um die heiße Ware abzuholen, Eisprinzessin Bibi wird frech und verlässt Kristatos, Erich trägt ein rosa Hemd und fällt dramatisch aus dem Fenster, Columbo und Kristatos prügeln sich, Bond schleudert vor Gogols Augen das teure Spionagegerät vom Felsen (welches effektvoll in Peckinpah-Zeitlupe zertrümmert) – und ein großer Filmschluss.
Bond zu Gogol: „Das ist echte Entspannung. Sie haben es nicht, und ich hab’s auch nicht“. Gogol lacht und geht. Hinreißende Szene. Sehr cool.
Der Rest ist zum Lachen: Bond und Melina gehen im Mondlicht schwimmen (Romanze!), der Papagei wird per Funk zum englischen Premierminister durchgestellt. Und das ist Margaret Thatcher, die wir in Minute 119 als Double bei der Küchenarbeit sehen! Det is ja reinste Politsatire, Männeken!
Fazit: Nach dem im Vergleich hysterisch zu nennenden „Moonraker“ ist „In tödlicher Mission“ ein betont bodenständiger Bond. Moores Pendant zu Connerys „Liebesgrüßen aus Moskau“. Die Produzenten wollten die Bond-Serie ohne technischen Schnickschnack relaunchen. Das ist ihnen gelungen. Der zwölfte Bondfilm ist keineswegs zum Vergessen. Wieso bleibt er dennoch nicht haften?
Zu wenig Action? Zu wenige Gimmicks? Zu wenig Sex? Kein markanter Bösewicht? Keine durchgeknallten Welteroberungspläne? Keine richtig exotischen Orte?
Was eigentlich sind die Ingredienzien für einen Bondfilm? Gibt es ein Bondrezept? Und wenn ja, gelingt es immer – und klebt nicht?
Ist die erste Regie von John Glen zu hausbacken? Dieser Regisseur wird die nächsten vier (!) Bondfilme am Stück inszenieren. Schauen wir mal, was bei rauskommt…

In tödlicher Mission (1981)
Originaltitel: For Your Eyes Only
Regie: John Glen
Musik: Bill Conti / Titelsong: Sheena Easton
James Bond: Roger Moore / Niels Clausnitzer
Kristatos: Julian Glover / Horst Naumann
Melina Havelock: Carole Bouquet / Angelika Bender
Columbo: Topol / Wolfgang Hess
Lisl von Schlaf: Cassandra Harris / Helga Trümper
Bibi: Lynn-Holly Johnson / Simone Brahmann
Ferrara: John Moreno / Horst Sachtleben
Havelock: John Hedley / Hartmut Reck
Killer: Charles Dance / ???
Rollstuhl-Blofeld: Robert Rietty / Herbert Weicker
Bill Tanner: James Villiers / Klaus Guth
Sir Frederick Gray: Geoffrey Keen / Wolf Ackva
General Gogol: Walter Gotell / Walter Reichelt
und
Q: Desmond Llewellyn / Manfred Schmidt
Moneypenny: Lois Maxwell / Emely Reuer

Popkulturelle Differenzen
kehrt zurück
mit
Octopussy

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