Lizenz zum Töten

Die große James Bond Retrospektive

Der Teaser hat mal wieder direkte Auswirkungen auf den Film, es dauert ein wenig, bis die schlechten Rückprojektionen auftauchen und der Hut bleibt weiterhin verschollen. Also gehen wir doch direkt über zu:

Der Fluch des zweiten Films

Und diesmal war es wirklich ein Fluch, war ja auch ein verflucht schlechter Film. Für gewöhnlich hat so was keine Auswirkungen (siehe „Der Mann mit dem goldenen Colt“ und „Ein Quantum Toast mit Käse und Schinken“), aber diesmal schon. Nach diesem Film, den man höflich als Desaster umschreiben kann, gab es für viele, viele Jahre keinen Bond. So lange, wie es seit den 60ern noch nie vorgekommen war. Timothy Dalton sollte als Bond nicht zurückkehren, und abgesehen von Desmond „Q“ Llewellyn auch niemand von der Besetzung.

Nun, das Hauptproblem mit diesem Film ist, dass es eigentlich kein Bond Film ist. Gut, heutzutage ist das egal, kein einziger der Filme, in denen Daniel Craig den Agenten Ihrer Majestät mimt, ist wirklich ein Bond Film – und den Leuten ist es egal. Aber damals scheint das noch anders gewesen zu sein. „Lizenz zum Töten“ hat zwar eins der wichtigsten Bond Themen, eins der Dinge, die die Figur ausmachen, im Titel – aber die Handlung hat halt nichts mit Bond zu tun. Der Agent begibt sich hier eher auf das Gebiet von „Miami Vice“ und „Ein Mann sieht rot“. Drogenhandel und Rache sind nicht zwingend die Themen, um die sich ein Bond kümmern sollte – und das Ergebnis zeigt, warum.

Klingt wie Bond

Dabei gibt man sich alle Mühe, so bondig wie möglich zu sein. Der Titelsong klingt schon fast wie ein Plagiat von „Goldfinger“, also wenn klauen, dann bei dem Besten. Hat aber schon bei „Ödi-“, äh, „Octopussy“ nicht funktioniert. Einziger Pluspunkt in dieser Hinsicht ist Michael Kamen, den man für die Musik verpflichtet hat. Kamen ist immer großartig gewesen, wenn er vorhandene Melodien, wie z.B. bei „Brazil“ „Brazil“ oder bei „Stirb langsam“ die „Ode an die Freude“ bearbeiten und damit spielen kann, also dürfte das Bond Thema ein kleines Vergnügen für ihn gewesen sein. Und das zeigt er auch. Kamen weiß, wo man das Bond Thema einsetzt, punktgenau und mit perfektem Timing. Was auch der Grund dafür ist, dass sich dieser Film zumindest richtig anfühlt, auch wenn er es nicht ist, denn Kamen gaukelt uns mit seiner Musik vor, dass wir einen Bond Film sehen. Die Realität sieht dann leider anders aus.

Zwar gibt es eine Anspielung auf Bonds Ehe, es gibt eine Szene aus dem Buch „Leben und sterben lassen“ (Leiter vs. Hai – Hai gewinnt), Bond raucht hier auch wieder Zigaretten… es gibt sogar einen echten Bond Moment! Als Bond das Flugzeug mit dem Hubschrauber fängt, eine Szene, die Christopher Nolan für seinen „The Dark Knight Rises“ klaute/kopierte/benutzte/zitierte. Das ist ein toller Moment… der eines besseren Films würdig gewesen wäre.

Gegen Spieler

Eins der Probleme des Films ist auch der etwas schwache Gegenspieler. Franz Sanchez hat nicht nur einen bescheuerten Namen, sondern auch einen wenig charismatischen Schauspieler. Wäre der hier hervorragende Benicio del Toro nicht noch so jung gewesen, dann wäre er für die Rolle wahrscheinlich weit besser geeignet gewesen. So bleibt der Gegner ein wenig farblos – was dadurch noch mehr ins Gewicht fällt, dass es mal wieder viel zu viele Figuren gibt. Er hat seinen Handlanger, dann gibt es noch Handlanger mit Rakete, Handlanger mit Boot, Handlanger mit Bart, Handlanger für Geschäfte, Handlanger für Tempel und Handlanger für Regierung, von diversen „Orientalen“, die als Rauschgiftkäufer auftreten, gar nicht zu reden. Zu viele Leute für zu wenig Handlung.

Was dagegen halbwegs funktioniert ist das Finale, auch wenn hier drei Lastzüge gereicht hätten. So ist es mal wieder ein wenig Overkill, aber wenigstens ist der Oberschurke selbst daran beteiligt und nicht nur irgendein Handlanger, der nicht schnell genug von der Besetzungscouch runtergekommen ist.

Auch gibt es – wie auch im Film zuvor – eine Einblendung, die uns als Zuschauer sagt, wo wir uns gerade befinden. Da niemand „Isthmus City“ kennt – wahrscheinlich, weil es die in Wirklichkeit gar nicht gibt – ist das in dem Fall durchaus sinnvoll.

Der Bruch zum Film

Oder das Buch, je nachdem. Ich hatte letztens das Missvergnügen, ein paar von den Bond Büchern zu lesen, die ich mir in den 90ern gekauft, dann aber nie gelesen hatte. Als Jugendlicher hab ich natürlich alles von Fleming und Gardner verschlungen, was ich in die Finger bekommen konnte, schon weil das, wie bereits erwähnt, mangels Video die einzige Möglichkeit war, Bond zu erleben. Damals ist mir nicht aufgefallen, wie schlecht die Bücher von Gardner sind. Völlig humorfrei, schlecht geschrieben und in dem grauenvollen „Sieg oder stirb, Mr. Bond“ verfügt Bond über keinerlei nennenswerte Persönlichkeit – also wird er in den Craig Filmen ganz angemessen portraitiert. Außerdem findet er in diesem Buch selbst nix heraus, ist immer einen Schritt hinter dem Leser, der selbst herausgefunden hat, was da gerade abgeht, lange bevor Bond es weiß, und an der einen Stelle, wo sich das ganze zu einer „Stirb langsam“ Situation auf einem Flugzeugträger entwickelt, wo Bond der einzige Gegner gegen die anderen an Bord ist… verlässt er das Schiff?????

Während ich bei John Gardners Buchadaption von „GoldenEye“ dann das Handtuch geworfen habe, weil ich diesen humorfreien Mist nicht mehr ertragen konnte, hab ich mich durch „Lizenz zum Töten“ ganz durchgequält. Wobei mir ein kleines Detail aufgefallen ist. Auf Seite 183 heißt es, und ich erinnere daran, dass es sich um eine Adaption des Filmes handelt:

„‚Was denn für Raketen? Stingers oder Blowpipes? Sa-6, Sa-8 oder Chaparrals?’

‚Ich weiß, dass es sich nicht um Stingers handelt.’“

Seite 247 klärt uns dann auf:

„‚Ein Glück, dass er keine Stingers oder Blowpipes hatte.’ Pam verdrehte die Augen. ‚Die hätten uns geschafft.’“

Was benutzen sie im Film? Richtig, Stingers! Gutes Buch… fast so gut wie der Film!

— Martin Cordemann alias Null Null PeeWee Ende —

— es folgt Sonderbericht von Tillmann Courth alias Null Null Tilly —

Der Rache-Bond. 007 jagt auf eigene Faust einen Drogenbaron, der seinen CIA-Kumpel Felix Leiter bös verstümmelt hat. Daltons zweiter und letzter Einsatz. Danach wird es sechs lange Jahre keinen Bondfilm geben! Woran liegt’s? Schaun wir mal:

Der Vorsetzer: Auf dem Weg zu seiner Hochzeit (Bond ist als Trauzeige dabei) bietet sich den Fahndern um Leiter die Gelegenheit, den Drogenbaron Sanchez zu schnappen. Der ist nämlich aus Eifersucht (sein Liebchen Lupe ging fremd) aus seinem Schlupfloch gekommen. In einer beklemmend stümperhaften Aktion (ganze zwei Drogenfahnder plus Leiter und Bond in ihren grauen Hochzeitsfracks) wollen Sanchez samt Bande verhaften. Hätte auch hier nicht vorschriftsmäßig ein SWAT-Team von mindestens 30 Mann hingehört?! So aber muss Bond wieder alles alleine machen!
Er nimmt das Kleinflugzeug mit Sanchez drinnen an den Haken (das hat natürlich Schauwert!) – und zugleich springen Leiter und Bond mit Fallschirmen über der Hochzeit ab. Cool.

In einem klassischen Bondvorspann von Maurice Binder (nackte Tanzweiber, Feuerwaffen, Kasino-Spielchips) singt Gladys Knight den Song „License To Kill“ – gefällt mir gut, hat die Anmutung einer düsteren Ballade. Passt zum Film.

In der 13. Filmminute raucht Bond eine Zigarette (war 1989 offenbar noch in Ordnung). Gott, wir haben doch alle geraucht in den 80ern!
Natürlich entkommt Sanchez seinen Bewachern auf dem Gefangenentransport (sonst gäbe es keinen Restfilm), und natürlich hat der Narr nichts Besseres zu tun als sich (noch auf der Flucht) an Leiter zu rächen (sonst gäbe es erst recht keinen Restfilm). In einer sadistischen Szene (21. Minute) lässt Sanchez einen Hai auf Leiter los. Bond findet am nächsten Morgen die tote Braut Della und den schwerverletzten Leiter. Er macht sich auf Spurensuche, entdeckt den Tatort und ein Tarnunternehmen für Drogenschmuggel. Dort geschieht in Filmminute 31 der SÜNDENFALL:
Bond ermordet kaltblütig den Verräter in den Reihen der DEA. Obwohl er ihn verhaften könnte, stößt er ihn in ebenjenes Haifischbecken, das Leiter beinahe zum Verhängnis geworden wäre (wieso HAT Leiter überhaupt die Haiattacke überlebt?). Der Verräter Killifer jedenfalls geht sehr schnell sehr tot!

Und bis hierhin ist „Lizenz zum Töten“ noch kein Bondfilm! Bond verhält sich nicht wie Bond, sondern ist auch völlig abgekoppelt von der bisherigen Bondwelt – er ist ein (Achtung, Gag bahnt sich an) „fish out of water“. In Minute 33 taucht endlich M auf und liest Bond die Leviten (Selbstjustiz und so, zackzack zurück ins Büro). Bond wird patzig und kündigt. M akzeptiert: „Ihre Lizenz zum Töten ist aufgehoben“. Wat? Na, Pustekuchen!

Sogleich folgt der nächste Anti-Bond-Moment: 007 widersetzt sich der Herausgabe seiner Dienstwaffe und flieht. Warum das denn? Wieso nicht cool abgehen? Kommt einer wie Bond sonst an keine Waffe?

Bond läuft im Folgenden einfach nur Amok. Er harpuniert in unnötiger Selbstjustiz einen Henchman, der Bonds Helfer Sharky getötet hat (Minute 41). Er stört empfindlich den internationalen Drogenhandel und sticht planlos auf harmlose Kokainpäckchen ein (44. Minute), wirft zwei Piloten aus einem Schmuggelflugzeug, stiehlt Drogengeld, bricht in Leiters Haus ein – ich bin in Versuchung, die Polizei zu rufen! Kommseschnell, hier wütet ein Verrückter!

Zwischendrin ein Wort zur Besetzung: Das bekannte Pockennarbengesicht Robert Davi spielt den Bösewicht Sanchez. Ein blutjunger Benicio Del Toro seinen Henchman Dario, und der große Anthony Zerbe (wer kennt den noch?) spielt Sanchez‘ Kompagnon Krest. Die machen ihre Sache alle gut, wie ich finde. An denen liegt’s nicht.

In der 49. Minute trifft Bond seinen „sidekick“ des Film, die DEA-Agentin Pam Bouvier (wieso hat die denn keinen schlüpfrigen Namen, häh?). Bouvier wird gespielt von einer gewissen Cary Lowell, schaut aber wie Nicole Kidman aus. Auf eine schrecklich alberne Saloon-Schlägerei mit dem debil grinsenden Dario folgt eine plötzlich einbrechende Liebesszene mit Bouvier. Auch das wirkt schief und deplatziert.

Ab der 56. Minute betreten wir den südamerikanischen Operettenstaat Isthmus (?), wo Sanchez schaltet und waltet (und daheim einen Schoß-Leguan mit sich herumträgt). Aaaalbern! Bond verjuxt derweil Drogengeld im Kasino und hat dabei einen „bad hair day“.

Nächster Fehler in Minute 69: Bond ist barsch zu Q, der doch nur helfen will. Stößt den alten Mann über den Haufen. Qs Erscheinen ist zwar Balsam für diesen Film, aber verstößt gegen jede Logik. Der hat doch garantiert bei M keinen Urlaub bekommen!

78. Minute: Bonds Attentat auf Sanchez misslingt, weil er von Ninjas (?!) angegriffen und außer Gefecht gesetzt wird. Das waren japanische und britische Drogenfahnder, die Sanchez lebendig wollen. Sie verschleppen Bond und möchten ihn außer Landes schaffen, als sie von Sanchez‘ Armee (oja, die schießen mit Panzern) massakriert werden. Vier tote Fahnder mehr auf Bonds Deckel. Was für ein Schlamassel!

Das musste offenbar ins Drehbuch, damit Bond anschließend als vertrauenswürdiger Bösewicht gelten kann – und von Sanchez unter die Fittiche genommen wird. Herrje!
Bonds zweite Zigarette in Minute 83. Beim gemütlichen Kaffeekränzchen mit Sanchez hätte Bond alle Gelegenheit, seinen Hass auszuleben und Sanchez auszulöschen. Was macht er? Schwärzt dessen Kompagnon Krest an! Bond will wohl jeden Kriminellen der Welt unter die Erde bringen!
Ein 80er Jahre Ska-Song der Band „Selecter“ hat es schon gewusst: „James Bond, the Killer!“ Sich bitte JETZT unter diesem Link im Netz anhören: http://www.youtube.com/watch?v=DrBf1ps-hwY

94. Minute: Weitere sadistische Mordszene: Sanchez tötet Krest in der Überdruckkammer, Bond schaut dabei kalt aus sicherer Entfernung zu! Dann vernascht Bond noch Sanchez‘ Liebchen Lupe (die sämtliche Ereignisse des Films von Minute 1 an ins Rollen gebracht hat, das Früchtchen!).

100. Minute: Willkommen im „Meditation Institute“, einer weiteren Tarnfirma von Sanchez. Dort ist sein Drogenlabor untergebracht. Professor Joe (mal wieder eine überflüssige Randfigur) will Bouvier ans Höschen (104. Minute), wird aber von ihr reingelegt. Gleichzeitig bricht Stress im Labor aus: Dario erkennt Bond als Gegner und duelliert sich mit ihm auf einem Förderband über einer Zerkleinerungsmühle. Wer endet wohl grausam in Stückchen? Dario in Minute 109 (Gottogott!).

Endlich, endlich geht es ans Finale: Die Chose mit den vier monströsen Tanklastwagen, beladen mit Drogensubstanzen. Die gehen dann nach und nach in die Luft (Minute 115, 116 – zwei auf einen Streich – und 122). Ist das eine Anspielung auf den Filmklassiker „Lohn der Angst“? Und Bond hat Spaß an der Zerstörung (Bouvier leistet per Flugzeug Luftunterstützung). Zündet Sanchez an und überlässt ihm dem Flammentod.

Jetzt mal im Ernst: Würden SIE so einen Agenten wieder in den Dienst aufnehmen???

Fazit: „Lizenz zum Töten“ ist ein Schock. Dieser Film bricht mit dem Bondcharakter und versenkt somit seinen Darsteller Dalton in den Orkus (der im Übrigen wie ein finst’rer Racheengel durch dieses Werk stakst, na gut, isser ja auch). Bond wirkt oft uncool, fahrig, planlos, hektisch und verkrampft.
Auch dass dieser 16. Beitrag der Reihe keinen Funken Humor enthält, treibt einen weiteren Nagel in Daltons Sarg. Zudem agiert der greise Q den halben Film hindurch als Bonds Helfer „im Feld“, was ebenfalls FALSCH ist.

Einen (in Zahlen: 1) hübschen Moment hat der Film – und zwar in Minute 65: Bouvier hat für Bond einen seiner Martinis bestellt. Der lässt ihn stehen, Bouvier trinkt ihn – und verzieht das Gesicht. Das ist die alleinige Komik in „Lizenz zum Töten“!

Lizenz zum Töten (1988/89)

Originaltitel: Licence to Kill

Regie: John Glen

Musik: Michael Kamen / Titelsong: Gladys Knight

James Bond: Timothy Dalton / Lutz Riedel

Franz Sanchez: Robert Davi / Uwe Friedrichsen

Pam Bouvier: Carey Lowell / Christina Hoeltel

Lupe: Talisa Soto / Madeleine Stolze

Felix Leiter: David Hedison / Reinhard Glemnitz

Milton Krest: Anthony Zerbe / Horst Naumann

Della Leiter: Priscilla Barnes / Viktoria Brams

Sharky: Frank McRae / Michael Gahr

Killifer: Everett McGill / Frank Engelhardt

Butcher: Wayne Newton / Leon Rainer

Präsident Lopez: Pedro Amendaritz Jr. / Werner Abrolat

Col. Heller: Don Strout / Willi Röbke

Kwang: Cary-Hiroyuki Tagawa / Joachim Höppner

Dario: Benicio del Toro / Ekkehardt Belle

und

M: Robert Brown / Wolf Ackva

Q: Desmond Llewellyn / Manfred Schmidt

Moneypenny: Caroline Bliss / Dagmar Heller

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