Der Morgen stirbt nie

Die große James Bond Retrospektive

Ein leicht ungelenker deutscher Titel, aber wäre der Film danach benannt worden, wie er eigentlich im Original hätte heißen sollen, wäre „Der Morgen lügt nie“ wahrscheinlich auch nicht viel besser gewesen. Der Teaser verbindet wieder beide Welten, die einer kleinen Actionstory und eines Elementes, das für den restlichen Film wichtig sein wird, sogar eminent wichtig. Es gibt auch wieder Einblendungen von Orten und Schiffsnamen, dafür gibt es aber weder den Hut noch die schlechten Rückprojektionen. Doch die werden in großen Stil zurückkehren… zwei Filme später!

Brosnan, Pierce Brosnan

Während Bond in „GoldenEye“ noch ein wenig geleckt ist und immer nach dem Motto aussieht: „Die Frisur sitzt“, ist Brosnan hier perfekt in der Rolle angekommen. Er macht sich auch mal die Hände schmutzig – und das in vielerlei Hinsicht. Die Haare sind ein wenig kürzer, er wirkt ein wenig härter. Tatsächlich darf Bond sich endlich wieder als kaltblütiger Killer zeigen. Nach seinem Auftritt bei Carver erwartet er einen auf ihn angesetzten Killer, mit Blick zur Tür und Wodka, um gegen den Ärger anzutrinken. Das erinnert ein wenig an Sean Connery in „Dr. No“, der auf Professor Dent wartet – nur, dass er mit dem nicht ins Bett geht, so wie Bond es dann mit Paris Carver tut. Das hätte der Bond Reihe sicher eine völlig andere Richtung verliehen…

Hier ist Bond pissig drauf, später zeigt er seine Trauer über den Tod von Paris – und dann zeigt er den Profikiller in sich, als er Dr. Kaufman kaltblütig umbringt. Er ist eben ein Profi, der nur seine Arbeit macht – wie Kaufman. Eine sehr schöne Szene übrigens, in der es Killer Kaufman peinlich ist, Bond nach einem Weg zum Öffnen seines Autos fragen zu müssen.

Auf der anderen Seite hat Bond aber auch Spaß – mit seinem ferngesteuerten Auto. Man sieht die kindliche Freude auf seinem Gesicht – und wir sehen den Unterschied zu den Craig Filmen. Denn hier hat Bond nicht nur Spaß, Bond macht auch Spaß – im doppelten Sinne! Der Spaß ist inzwischen verloren gegangen, man nimmt sich zu ernst, erreicht dann aber nicht die inhaltliche Qualität, um diesen Ernst auch angemessen zu untermauern.

Es gibt eine Veränderung im Verhältnis zwischen Bond und M. Waren die beiden im letzten Film einander nicht ganz grün, so haben sie inzwischen die Qualitäten des anderen erkannt und zu schätzen gelernt. Das wird sich im folgenden Film weiter ausbauen.

Der dritte Weltkrieg

Wer einen Atomkrieg von Supermächten für eine gute Idee hält, ist ein vollkommener Idiot. Das ist nichts, worüber man diskutieren muss oder kann. Bei so etwas verliert jeder, sei es Blofeld („Man lebt nur zweimal“), sei es Carver hier. Und der hat weder einen Vulkan noch eine Unterwasserstadt noch eine Raumstation, wo er weit von allem Treiben entfernt auf den Ausgang warten kann. Sein Plan ist also bestenfalls idiotisch. Insofern mag die Weise, wie Jonathan Pryce ihn spielt, nämlich leicht verrückt (oder etwas over the top) durchaus angemessen sein. Ob das dem Film hilft, ist eine andere Frage.

Seine rechte Hand, Herr Stamper, weiß dagegen auch nicht ganz zu überzeugen. Er spielt böse, irgendwie nur böse, irgendwie zu böse. Da wäre ein wenig Zurückhaltung wahrscheinlich von Vorteil gewesen – aber da das hier ein Bond Film ist, ist Zurückhaltung einfach nicht gefragt. Also wird übertrieben und verböselt, was das Zeug hält.

Jack Wade gibt sich noch einmal kurz die Ehre, danach werden wir ihn aber wohl nie wieder sehen, da er meines Wissens nicht den Büchern entspringt, sondern eine reine Erfindung der Filme ist. Schade ist es trotzdem!

EON scheint übrigens einen Deutschen im Team zu haben. Im Originalton (möglicherweise auch in der deutschen Fassung) hört man eine männliche deutsche Stimme, die die Durchsage auf dem Flughafen macht und in „Stirb an einem anderen Tag“ die Stimme des Umwandlungsprogramms ist, die dem Mann mit den Diamanten im Gesicht seine Hintergrundgeschichte eintrichtert, das aber nur am Rande.

Bond erhält mit diesem Film einen neuen Stammkomponisten, David Arnold. Der macht seine Sache hier sehr gut und liefert einen schönen bondigen Soundtrack ab. Auch der Titelsong ist in Ordnung.

„Lass dich nicht verarschen“

Diesen Satz sagt Bond auf Deutsch, nachdem er sein Auto dem Einparker übergeben hat – ich habe, glaube ich, drei Ansätze gebraucht, um das zu verstehen. Aber wie wir wissen spricht Bond akzentfrei deutsch!

Sind die Frauen bei Bond hin und wieder reine Staffage, erhält Bond hier eine gleichwertige Mitstreiterin. Schön daran ist, dass die beiden zur Zusammenarbeit gezwungen sind, da man sie aneinander gekettet hat. Das gibt dem Film eine schöne Dynamik und führt zu einer guten Actionszene auf dem Motorrad.

Auch wenn einige Leute die ich kenne nicht soviel von diesem Film halten, so mag ich ihn doch. Jedenfalls bis kurz vorm Schluss. Die ganze Szene auf dem Stealthboot ist mal wieder zu lang, zuviel Geballer, zuviel Schnickschnack und Bummbumm. Hier wäre eine Mäßigung einmal mehr hilfreich gewesen – aber, wie gesagt, wir reden hier über Bond!

 — Martin Cordemann alias Null Null PeeWee Ende —

— es folgt Sonderbericht von Tillmann Courth alias Null Null Tilly —

Das ist der mit Jonathan Pryce als Bösewicht! Das Opfer aus „Brazil“ ist nun der Schurke: Als krimineller (und krankhaft größenwahnsinniger) Zeitungszar Elliot Carver will er globale Deutungshoheit und Manipulationsmacht. Den hab ich als guten Bondfilm abgespeichert, auch wegen markanter Nebendarsteller und origineller Action. Mal schauen, wie sich der 18. Film der Reihe heute ausnimmt. Neugierig macht auch ein komplett neues Team hinter den Kulissen. Regie (Roger Spottiswoode), Drehbuch (Bruce Feirstein) und Musik (David Arnold) werden zum ersten Mal auf ein Bondpublikum losgelassen.

Der knackige Action-Vorsetzer erinnert deutlich an „GoldenEye“: Bond als Ein-Mann-Armee nimmt einen russischen Waffenbasar hoch und muss Nuklearmaterial aus dem Weg schaffen, ehe die britische Rakete einschlägt! Um DAS noch zu steigern, schließt sich ein Duell von Düsenjägern an, während Bond noch mit einem Russen im Cockpit daran arbeitet, von diesem nicht stranguliert zu werden. Also ich weiß nicht. Die Brosnan-Vorsetzer kranken weiterhin an hirnrissig übersteigerter Action.

Ein weiterer sehenswerter Vorspann (hier mal ein Credit: Daniel Kleinman) ist leider unterlegt mit dem Titelsong von Sheryl Crow – und der ist einfach abscheulich. I think we have our winner. In der Kategorie „miesester Bondsong“ ist für mich der Vogel abgeschossen! Krächziges, dünnes Gequäke, das mir in den Ohren weh tut!

Apropos Ein-Mann-Armee: Was Bond kann, kann Zeitungszar Carver schon längst. Er verfügt über fantastische High-Tech-Ausrüstung: a) einen Weltraumsatellit, b) ein Supertarnschiff, c) Unterwasserbohrer, die unbemerkt britische Kriegsschiffe zersägen, d) Boden-Luft-Raketen, die chinesische MIG-Jäger vom Himmel holen, e) Götz Otto.

Carver will einen bewaffneten Konflikt mit China vom Zaun brechen, damit seine Zeitung was zu schreiben hat! Krieg ist halt die beste Schlagzeile, und alles muss man heute selber machen! Moment mal, wir hetzen zwei Feindmächte aufeinander, aber das ist doch die Handlung von „Der Spion, der mich liebte“!

Götz Otto als Mr. Stamper ist der Henchman des Films, ein echt fieser Möpp. In Minute 18 erschießt er nicht nur überlebende Seeleute, er tritt ihnen vorher auch noch auf die Finger. Voll gemein. Wäre das nicht schon die nächste Sensationsschlagzeile für Carvers Blatt „Tomorrow“? Jedenfalls bringt mich Pryce den ganzen Film durch zum Lachen. Die leicht irre deutsche Synchronstimme und sein Chargengehabe erinnern mich an Woody Allen. Ich werde diesen Film nicht ernst nehmen können. “Der Morgen stirbt nie” ist ein Karnevalsbond.

Carver mag zwar ein „weltweit operierender Medienmogul“ sein, macht sich aber beim Geheimdienst sofort und unauslöschlich dadurch verdächtig, dass seine Medien den Chinazwischenfall schon drucken, ehe überhaupt das Militär von den Details erfahren hat! Aaarrgggh! Das ist doch Krimi-Kinderstunde, Herrschaften.

26. Minute. Wir sind in Hamburg, wo Bond sofort von Q (schon wieder in einem Lakaien-Outfit, diesmal dem einer Autovermietung) einen deutschen Wagen ausgehändigt bekommt: ein BMW 750, fernsteuerbar per Handy! Ach, ja, die 90er! Wagen und Handy (von 1997) sehen heute schon verdammt alt aus.

Which reminds me: „Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern“ (alte Presseweisheit) – höchstens vielleicht noch Teri Hatcher, die als Carvers Frau Paris (und Bonds alte Liebschaft) auf einer Party bei Carver in Erscheinung tritt. Nein, böser Gag, Teri Hatcher ist zauberhaft und eine der „most classy“ Bondfrauen.

38. Minute: Bond residiert im „Hotel Atlantic“ und trinkt Smirnoff Wodka (pur, und pure Schleichwerbung). Hätte nicht Udo Lindenberg bei ihm rumsitzen können? Stattdessen schickt Carver seine Frau Paris zu Bond, um ihn auszuspionieren. Hey, Medienmogul! Einfach mal „Bond“ googeln und schnell checken, dass der Mann wohl kaum ein Bankier sein kann. Bond schläft natürlich prompt mit Paris, was noch Ärger geben wird. Es läuft einfach nichts rund für den ambitionierten Carver. Aber er hat ja noch sein High-Tech-Spielzeug – und Hacker Gupta. Der kann Carver nämlich schnell darüber aufklären, dass Bond wohl Agent ist und Paris ein Flittchen.

46. Minute: Bond bricht in die „geheime Etage“ des Zeitungshauses ein. Also, für mich sieht’s wie die Druckerei aus. Dort trifft er auf die chinesische Agentin Wai Lin (Michelle Yeoh) in rassigem Lederoutfit. Die wohl markantesten Szenen beginnen mit Minute 53: Carver hat seine Frau Paris aus Eifer -und Schlagzeilensucht umbringen lassen (Schade, Teri ist raus!). Die Nachricht läuft schon im Fernsehen, ehe noch der Mord entdeckt ist. Und der Killer Dr. Kaufmann („Ich bin Professor für forensische Medizin“) erwartet Bond im Hotelzimmer!
Vincent Schiavelli ist Dr. Kaufmann – ein wunderbarer Besetzungs-Coup! Dessen schräge Visage adelt den sonst sehr gelackten Film mit toller Fallhöhe und beschert uns den makabersten Mordbuben seit dem Killerpärchen Mr. Wint und Mr. Kidd. Leider stirbt Kaufmann rasch, und es folgt die Flucht mit dem BMW durch das Parkhaus. Naja, Action as usual. Bond lässt den Wagen ferngesteuert ins Fenster einer „Avis“-Autovermietung krachen. Schleichwerbe-Auftrag ausgeführt!

67. Minute: Bei der Untersuchung des gesunkenen britischen Zerstörer vor der Küste Vietnams begegnet Bond Wai Lin wieder (und Mr. Stamper, der beide in den Carver-Wolkenkratzer in Saigon verschleppt). Der Mann tut was für die vietnamesische Infrastruktur, so viel ist sicher. Carver bastelt schon wieder an Schlagzeilen, die es noch nicht gibt („Bond tot“, „China macht sich kriegsbereit“, „Sack Reis fällt um“) und will Bond töten lassen, doch Bond und Wai Lin springen aus dem Fenster (74. Minute) und sausen an einem übergroßen Carver-Poster an der Außenwand herab, das sie dabei mittendurch reißen. Schöner Moment für die Ewigkeit!

Weitere Flucht in Ketten auf einem BMW-Motorrad durch den Basar (hier lässt „Octopussy“ grüßen). Dass dabei ein Hubschrauber im Tiefflug mitmischen muss, ist wieder mal das trostlose Quantum ZUVIEL an Aktion. Ab Minute 82 erleben wir die „chinese martial arts“-Einlage von Michelle Yeoh (warum nicht?). Danach geht es an die Jagd nach dem Tarnschiff, mit dem Carver seinen Atomschlag gegen China führen möchte (und das alles für ein bisschen Aufmerksamkeit).

Auf dem „Stealth“-Schiff dann großes Get-Together aller Bösewichter und Einstimmung auf das Finale (ab Minute 90). Anstatt in seinem Büro zu hocken und Meldungen zu tippen, wuselt Carver wieder mal persönlich mitten im Geschehen herum, macht alle nervös – und erschießt sogar noch seinen Henchman Gupta (97. Minute). Was ist denn das für eine Personalpolitik?

Der Rest ist Knallen. Bond lässt Carver in den Unterwasserbohrer laufen. Und Stamper in einer Explosion stehen. Rettet Lin. Und in diesen letzten Minuten… geht meine DVD kaputt! Echt wahr. Selbstzerstörung! Kein Wunder. Danke.

Fazit:

Tolle Frauen, skurrile Henchmen, aber handlungstechnisch die bislang blamabelste Bond-Grütze (denn „Ein Quantum Trost“ kommt schließlich noch… kann man den nicht einfach mit einem langgezogenen Entsetzensschrei kommentieren… ich überleg mir das…).

Mit Brosnan als Bond werde ich nicht richtig warm. Diese Filme sind… SEELENLOS. Alles ist hier so technisiert und effizient und perfekt… Bond fehlt eine Haltung (außer der ein scheißguter DIENSTLEISTER zu sein). Aber so waren auch die 90er Jahre. Der eiskalte Zeitgeist ist der wahre Superschurke der vier Brosnan-Bonds.

“Der Morgen stirbt nie” hat ein Gutes: Er hält sich immerhin mal unter zwei Stunden Laufzeit. Ich frage mich, ob dieser Film als Parodie/Seitenhieb auf die realen Medienbosse Rupert Murdoch und Robert Maxwell gedacht war. Maxwell war sechs Jahre zuvor unter mysteriösen Umständen auf seiner Yacht zu Tode gekommen. In chinesischen Gewässern womöglich?

 

Der Morgen stirbt nie (1997)

Originaltitel: TOMORROW never dies

Regie: Roger Spottiswoode

Musik: David Arnold / Titelsong: Sheryl Crow

James Bond: Pierce Brosnan / Frank Glaubrecht

Eliot Carver: Jonathan Pryce / Lutz Mackensy

Paris Carver: Teri Hatcher / Marion von Stengel

Wai-Lin: Michelle Yeoh / Arianne Borbach

Stamper: Götz Otto

Dr. Kaufmann: Vincent Schiavelli / Eberhard Prüter

Gupta: Ricky Jay / Roland Hemmo

Adm. Roebuck: Geoffrey Palmer / Wolfgang Völz

Jack Wade: Joe Don Baker / Klaus Sonnenschein

Robinson: Colin Salmon / Detlef Bierstedt
und

M: Judy Dench / Gisela Fritsch

Q: Desmond Llewellyn / Manfred Schmidt

Moneypenny: Samantha Bond / Anita Lochner

 

 

Popkulturelle Differenzen

kehrt zurück

mit

The World Is Not Enough

DoubleDSexy01Volltreffer

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s