Neu auf DVD: ALL IS LOST

Ich mag Filme, die sehr reduziert sind. Und ich mag Filme, die einem nicht alles vorkauen, die dem Zuschauer weit genug vertrauen, dass man ihm nicht alles haarfein erklären muss. „ALL IS LOST“ bietet beides.

Ein Mann, ein Boot

Die Anzahl der Filme, bei denen es mehr oder weniger nur eine einzige Person gibt, lässt sich wohl an wenigen Händen abzählen. Dieser Film reiht sich nun in diese sehr kurze Reihe ein und ist in der Art, wie er es durchzieht, sehr konsequent. Es gibt nur eine Person, dargestellt von Robert Redford. Es gibt auch noch eine kaum verständliche Stimme, die aus dem Funkgerät spricht. Aber das war es dann auch mit den Sprechrollen – oder mit den Rollen im Allgemeinen.

Die Handlung ist folgende: Robert Redford ist mit seinem Boot unterwegs. Er wacht auf und stellt fest, dass er gegen einen Container gefahren ist, der ihm ein Loch in die Bordwand gerissen hat. Und später dann beginnt der Sturm und man kann nicht sagen, dass sich die Situation verbessert…

Was ich an diesem Film sehr schätze ist weniger das, was er zeigt, sondern eher das, was er auslässt. Das ist nicht unbedingt immer völlig befriedigend, aber es ist erfreulich, weil er damit den Zuschauer ernst nimmt. Jeder andere Film hätte wahrscheinlich mit einem durchgehenden Off-Kommentar des Protagonisten gearbeitet, der uns minütlich erklärt, was er da gerade macht und wozu das gut ist. Dieser Film verzichtet darauf. Man muss schon zuschauen und sich selbst zusammenreimen, was er da macht und welches Ziel das verfolgt. Das ist, wie gesagt, hin und wieder einen Hauch unbefriedigend, aber letzten Endes sehr schön. Wenn man in der Lage und gewillt ist, mitzudenken.

Was uns wohl auch jeder andere Film gegeben hätte, dieser aber nicht, ist die Vorgeschichte des Mannes, den wir da sehen. Er hätte uns seine Vergangenheit gezeigt, wie er mit seinen Kindern spielt, seiner Frau einen letzten Kuss auf die Wange gibt, bevor er mit dem Boot dahinsegelt… oder irgendeine andere Geschichte. Nicht so „All Is Lost“. Wir erfahren… streng genommen nicht viel, um nicht zu sagen so gut wie nichts. Nicht mal einen Namen. Und warum ist das kein Problem? Weil wir es verdammtnochmal auch nicht brauchen! Danke, dass das endlich mal jemand begriffen hat! Es reicht, wenn wir sehen, wie eine Figur reagiert, was sie tut, wie sie handelt, wir müssen vorher nicht wissen, ob sie verheiratet oder lieb zu Hunden ist. Alles, was wir wissen müssen, ist, dass das ein Mann mit einem Boot ist und dass der gerade in echte Schwierigkeiten kommt. Und dann sehen wir, wie er damit umgeht und sehen, was er für ein Mensch ist. Sehr erfrischend, es einmal auf diese Weise gezeigt zu bekommen.

Womit wir auch direkt zum Stil des Films zurückkommen. Wir als Zuschauer bekommen nur dann etwas mit, wenn auch die Hauptperson etwas mitbekommt. Ist Redford am Schlafen oder ohnmächtig, hat auch der Zuschauer Pause. Und wir erleben alles mehr oder weniger aus seiner Perspektive. Natürlich gibt es ein paar Einstellungen, die ein wenig hinunter tauchen ins Meer und uns die Fische unter ihm zeigen, aber das meiste erleben wir aus seiner Sicht. Hätte ein anderer Regisseur (oder einer, dem möglicherweise mehr Geld zur Verfügung gestanden hätte?) nicht der Versuchung erlegen, den großen Sturm in all seiner computeranimierten Kraft zu zeigen und dem Zuschauer echt was künstliches zu bieten für sein Geld? Wahrscheinlich. Nicht so J.C. Chandor. Auch während des Sturms bleiben wir immer an der Seite von Redford, beklemmend eingeschlossen in der kleinen Kabine seines Schiffes und erleben ihn so, wie er ihn erlebt. Auch das ist sehr schön, denn es ist eine wunderbare Abweichung vom Standard.

Wer ist Schult?

Ein kleiner Exkurs sei an dieser Stelle gestattet. Ende der 60er Jahre sprach der kürzlich leider verstorbene Rolf Schult zum ersten Mal Robert Redford und war seitdem in vielen Filmen seine deutsche Stimme. Bei „Von Löwen und Lämmern“ kam es dann aus irgendeinem Grund dazu, dass Schult ihn in diesem Film und erstmals seit 1978 nicht sprach. Nun besteht diese Möglichkeit ja leider gar nicht mehr. In diesem Film nun tritt nun Rolf Schults Sohn Christian Schult in die Fußstapfen seines Vaters und spricht erstmals für Robert Redford. Der allerdings, reduziert wie dieser Film ist, hat nur sehr wenig Text. Es gibt einen kleinen Text am Anfang, ein Funkgespräch bei Minute 21 und bei ca. 1 Stunde 9 noch einmal ein wenig… der größte Teil des Films kommt also ohne gesprochene Sprache aus – was ich ebenfalls sehr selten und sehr schön finde!

Bonus

Es gibt Featurettes, Interviews und eine B-Roll. Da für die Featurettes Teile aus den Interviews verwendet wurden, ist das ganze ein bisschen redundant. Und die B-Roll kann man komplett vernachlässigen. Ein paar Sachen sind ganz interessant und geben Einblick in die Entstehung des Films, letztendlich kann man sich aber wahrscheinlich entscheiden, ob man die Interviews in voller Länge ansieht oder man mit der komprimierten Variante in den Featurettes Vorlieb nimmt.

Fazit

Das Boot wird zum Spielball der Wellen und zeigt uns, dass man gegen Naturgewalten kaum eine Chance hat. Ein schöner Ein-Mann-Film, der den Zuschauer so ernst nimmt, wie die Hauptfigur den Ozean ernst nehmen muss. Ab 23.5.2014 im Handel.

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