Neu im Kino: Boyhood

Manchmal ist die Geschichte hinter einem Film interessanter als der Film selbst. Die Grundidee von „Boyhood“ ist großartig: Eine Geschichte nicht nur über mehrere Jahre zu erzählen, sondern sie auch über mehrere Jahre (2002-2013) zu filmen, also die Figuren nicht künstlich altern zu lassen, sondern die Schauspieler zu sehen, wie sie auch in Wirklichkeit älter werden.

Before…

Etwas Ähnliches hat Regisseur Richard Linklater schon vorher gemacht. In „Before Sunrise“ lernen sich zwei junge Leute kennen, etwa neun Jahre später in „Before Sunset“ treffen sie sich wieder und weitere neun Jahre später in „Before Midnight“ sehen wir, wie sich ihre Beziehung seitdem entwickelt hat. Ein wunderbares filmisches Experiment, das ehrlich mit sich und mit seinen Schauspielern umgeht und eventuell auch noch nicht beendet ist (freuen wir uns auf „Before Noon“).

Bei „Boyhood“ hat Linklater nun ein ähnliches Prinzip angewandt, diesmal aber für einen einzigen Film. Elf Jahre vergehen zwischen dem Beginn des Films und seinem Ende, sowohl für die Figuren als auch für die Schauspieler. Was den Vorteil hat, dass man die jungen Kinder vom Anfang nicht später durch andere Schauspieler austauschen muss, es sind immer dieselben Leute, die dieselben Figuren spielen. Das ist wirklich gelungen und wunderbar.

Aber…

Leider wird diese wunderbare Grundsituation nicht durch die Handlung des Films gestützt. Hat man schon einmal so ein tolles Konzept und ist auch in der Lage, es umzusetzen, dann ist es eigentlich schändlich, es durch eine derart, nunja, banale Handlung zu verschwenden. Denn, ganz ehrlich, für diese Handlung hätte man auch die Schauspieler austauschen können, denn was wir sehen ist, wie es der Titel sagt, wie ein Junge langsam erwachsen wird (das, liebe Presseleute, dürfte die angemessene deutsche Umsetzung für den Begriff „coming-of-age-story“ sein, das kann man wohl so gerade eben noch übersetzen, oder?). Es ist schön, zu sehen, wie die Darsteller älter werden, wie aus dem Jungen ein junger Mann wird und aus seiner Schwester eine junge Frau – aber das ist es dann auch leider schon. Die Handlung kommt ohne große Höhepunkte aus, ohne große Spannung, sie ist fast so, wie sie wahrscheinlich fast jeder amerikanische Jugendliche erlebt (hat). Das ist dann zwar eine ganz nette Abbildung der Wirklichkeit, aber dafür hätt es dann auch ein Fotoalbum getan. Wozu, ich frage es noch einmal, verschwendet man ein so wunderbares Konzept für eine so banale Geschichte, die zwar jeder nachvollziehen kann, aber vor allem, weil er sie selbst erlebt hat. Kino kann mehr als das, Linklater kann mehr als das.

Womit wir beim nächsten Punkt sind: Bei dieser Handlung, die eine Laufzeit von 163 Minuten eigentlich nicht rechtfertigt, wäre für dieses Projekt vielleicht das Fernsehen das angemessenere Medium gewesen. Ein schöner Dreiteiler, jeder Teil eine Stunde lang. Aber dann würde man a) das Altern der Figuren vielleicht nicht so hautnah erleben und es b) auffallen, dass es eigentlich keine nennenswerte Geschichte gibt, Episoden, die aneinanderhängen und das Altern der Figuren zeigen, aber nichts, wo man sagen würde: Oh, das hätte ich jetzt unbedingt sehen müssen.

Für einen Film dieses Konzepts wäre eine größere Handlung besser gewesen, eine stärkere Geschichte, es muss ja nicht gleich episch sein und es muss auch nix explodieren, aber wenn ein versoffener Stiefvater die größte Klippe des Films ist, dann bleibt er weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Leider, sehr, sehr leider!

Spieler…

Es ist interessant, die Figuren und die Schauspieler altern zu sehen. „Before… Something“ Schauspieler und Mitautor Ethan Hawke ist mit von der Partie, ebenfalls Patricia Arquette – die Eltern der Hauptfigur. Mehr im Mittelpunkt (und spannender zu betrachten) sind jedoch Lorelei Linklater (wahrscheinlich die Tochter des Regisseurs) und Ellar Coltrane, die beiden Kinder, deren Entwicklung man während des Films verfolgen kann. Sie machen das wirklich sehr gut. Tja, hätte es für sie doch eine etwas interessantere Geschichte gegeben! Kinostart ist der 5. Juni 2014.

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