Skyfall

Die große James Bond Retrospektive

Hat mir im Kino nicht so toll gefallen, aber es ist ja bekanntlich nirgends besser als zu Hause. There’s no place like home. Auf DVD können Filme immer noch unterhalten, die auf großer Leinwand enttäuscht haben. Ach, ich mach mir doch bloß was vor! Schnief, heul. Hilft nichts, bringen wir es hinter uns.

Im Vorsetzer wird wieder mal ein Basar verwüstet (diesmal trifft es Istanbul). In „Octopussy“ war es Indien, in „Der Morgen stirbt nie“ ein Markt irgendwo in Asien. Gott, kennste einen Basar, kennste alle… Und mit Obst matschen macht einfach Spaß!

Weiter geht die wilde Hatz auf dem Dach eines fahrenden Zuges, wo es zum kritischen Showdown kommt. Bonds Assistentin Eve kann nicht schießen (oder besser: M befiehlt ihr einen fragwürdigen Schuss), Bond wird getroffen, fällt vom Zug, stürzt 100 Meter tief in einen 1 Meter tiefen Bach, wird dann noch über Stromschnellen geschleift, fällt hernach einen Wasserfall hinab, sinkt 20 Meter bewusstlos unter Wasser – und darf sich dann den Bond-Song von Adele anhören. Das ist ja mal richtig dumm gelaufen!

Der Vorspann ist zwar auch so psychedelisch kinky wie der letzte, dafür tut Sängerin Adele ihr Bestes, um an die klassischen Titelsongs der 60er Jahre anzuknüpfen.

Bei dem Türkei-Debakel ist eine Festplatte mit den geheimen Daten aller NATO-Agenten in feindliche Hände gefallen. Dafür droht M die Pensionierung, und Bond spielt tot, taucht ab und übt sich als Kampftrinker am „Ballermann“. Er scheint jedoch ein gewisses Ennui zu verspüren, denn er kehrt stante pede unter die Lebenden zurück, als er im Inselfernsehen vom Anschlag auf das MI6-Hauptquartier erfährt. Mal im Ernst: Was. Soll. Die. Scheiße!?

Bond ist angepisst, weil er ANGESCHOSSEN wurde????

Zur Strafe, dass Bond rumgesumpft hat, muss er ein Fitnesstraining absolvieren und wieder schießen lernen. Ich habe eine Riesenlust, diesen Film jetzt auszumachen – und was Vernünftiges einzulegen. Oder den Drehbuchautoren unflätige Chat-Botschaften auf Facebook zukommen zu lassen. Beim Wortassoziationsspiel mit dem Psychiater fällt Bond nichts zum Begriff „Skyfall“ ein… Ich weiß es, ich weiß es!

„Skyfall“… Scheißfilm. Das war nun wirklich einfach.

37. Minute: Auftritt des neuen Q. Der ist nun ein junger Computernerd (dargestellt von Ben Winshaw) – hey, willkommen im 21. Jahrhundert! Er stattet Bond mit einer neuen Waffe und dümmlichen Dialogen aus. Dann saust Bond nach Shanghai, um den anfangs entflohenen Killer Patrice zu erledigen.

Die Musik darunter stößt mir als sehr un-bondig auf, klingt eher nach „Batman“ oder so…

Konfrontation und nächtliche Schießerei in einem gläsernen Büro: Abgang Patrice und Auftritt Eve (die Assistentin mit den „shaky hands“ vom Anfang). Sie rasiert Bond erotisch und wird ihre „shaky hands“ benutzen, um Bond was abzuschütteln. Gott, ist das blöd. Also, der Gag war blöd, aber man hat mich dazu provoziert!

53. Minute: Einfahrt ins Kasino mal mit schöner Bondmusik. Da gibt es natürlich Ärger, und Bond räumt drei Gorillas ab (einer endet im Maul eines Reptils). Er folgt der Fährte des Gangsterliebchens Sévérine und überrascht/ vernascht sie in der Dusche! Himmel, wird denn in diesem Film kein Klischee ausgelassen?!

66. Minute: Ankunft auf der verlassenen Inselstadt und Meet&Greet mit dem Bösewicht des Films, Raoul Silva. Den spielt ein schlimm blondierter Javier Bardem (hat denn kein Bösewicht eine normale Frisur in Bondfilmen?). Bardem macht seine Sache als schräger Psychopath großartig und führt sich plaudernd und aus der Ferne heranschlendernd ein. Da er aus einem Fahrstuhl steigt, hätten sie ihn auch noch Strapse tragen und „I’m just a sweet transvestite“ singen lassen können. Nur ein Vorschlag! Gag für Insider, haha. Und wenn er Bond in Minute 71 an die Wäsche geht, sollte man Craig bitte „Touch me!“ schmettern lassen!

Silva ist aber nicht Rocky Horror (trotz der Frisur), sondern versucht Bond auf seine Seite zu ziehen und als Freiberufler für den Cyber-Terrorismus zu gewinnen. Das ist ja wohl voll naiv! Draußen exekutiert Silva die arme Sévérine, dann landen die englischen Fallschirmtruppen und Silva ist geschnappt. Filmminute 77 – die Chance, jetzt aufzuhören und den kürzesten Bond aller Zeiten abzuliefern. Leider geht es nun noch eine Stunde lang weiter (Aaarrrggghh!).

Das aber ist erst der Auftakt von Silvas Rachefeldzug gegen M, den zu schildern ich ziemlich müde bin. Flucht Silvas durch die Londoner U-Bahn (das ist klassisches Spannungskino, mit U-Bahn macht man nie was falsch), dann leider kompletter Schwachsinn in Minute 94: Ein Sprengsatz explodiert über Bonds Kopf, damit Silva eine U-Bahn auf ihn fallen lassen kann?! Wie soll man das denn im Voraus geplant haben?! Hilfeeeee!

„Was ich sehe, ängstigt mich“, sagt M kurz darauf – dem darf ich mich voll und ganz anschließen!

Bei der Schießerei im Verhandlungssaal darf Mallory (der Innenausschuss-Kontrolleur, gespielt von Ralph Fiennes) M retten und sich als Held gerieren. Tolle Sache das, so legitimieren die Autoren seinen späteren Aufstieg zum neuen „M“ (siehe Filmende).

103. Minute: Ankunft in „Skyfall“, dem Herrenhaus, wo Bond seine Kindheit verbrachte. Dorthin locken M und Bond ihren Widersacher Silva zum letzten Duell. Gemeinsam mit Haushälter und Gaststar Albert Finney brauen sie Explosivstoffe und richten kuschelig ihre Wagenburg ein. Warum ist der Film jetzt ein Western? Drei gegen the Blond Bunch?

Was genau spräche dagegen, per Handy (oder ähnlich neumodischem Kram) noch ein SWAT-Team zur Party hinzu zu bestellen?!

110. Minute: Indianer!!! Aber nur eine erste Welle, die locker in jede Falle läuft. Denn der Chef kommt erst später, per Hubschrauber und mit Musik. Das nutzt Silva als Filmzitat, na klar, der Mann hat ja schon Humor. Skyfall ist bald Asche, aber Silva bleibt dran an Bond und an M (die er schon „Mutter“ nennt) – der Mann hat Komplexe!

Ein cooler Trick ist in Minute 123 das Abtauchen ins Eis, wo Bond momentan vor Silva sicher ist und dabei noch einen Henchman ausschalten kann. Silva kriegt kurz darauf von Bond ein Messer in den Rücken (tzztzztzz), und M stirbt in Bonds Armen (sie war schon bei der Schießerei im Haus schwer verwundet worden, Minute 128).

Noch ein Schocker am Schluss: Assistentin Eve ist… Moneypenny! Die neue Moneypenny! O nein, bitte nicht! Mit der hat er doch schon geschnackselt, müssen sie denn alles kaputt machen?!

„Skyfall“ ist der Jubiläumsfilm zu 50 Jahren James Bond. Jetzt haben sie alles beisammen: Neuer Bond, neuer M, neuer Q und neue Moneypenny. Kann diese verkackte neue Reihe dann bitte endlich mal loslegen? Sie machen’s echt von Film zu Film schlimmer und unmöglicher. Das muss doch WIEDER ein Neustart werden. Hey, Leute, der Craig ist auch schon fast 50 – und damit im Roger-Moore-Bond-Alter!

Fazit:

„Skyfall“ ist ein Ärgernis. „Skyfall“ ist für Bond was „Into Darkness“ für Star Trek ist. Beides dämliche Machwerke mit einem Hang zur Infantilisierung. Gefühle werden überbetont, Handlungselemente überzeichnet, Action-Sequenzen auf hypertrophen Schauwert hin konzipiert. Kino für Doofe. Bond mit der Brechstange. Sowas gehört von Kritikern angeprangert und abgestraft!!!

— Tillmann Courth alias Null Null Tilly Ende —

— es folgt Sonderbericht von Martin Cordemann alias Null Null PeeWee —

Ist „Skyfall“ vielleicht der Obama der Bond Serie, der nur wegen des schlechten Vorgängers so hoch gelobt wird, aber bei näherer Betrachtung die Vorschußlorbeeren nie erfüllt hat? In meinen Augen schon. Dabei versucht man diesmal, etwas völlig anderes zu machen als vorher:

  • Nachdem die Noc-Liste gestohlen wurde („Mission: Impossible“)
  • jagt Bond auf einem Motorrad über Dächer („Der Morgen stirbt nie“),
  • kämpft auf einem Zug („Octopussy“)
  • bevor er stirbt („Man lebt nur zweimal“).
  • Natürlich bekommt er auch einen Nachruf („Man lebt nur zweimal“, „Der Morgen stirbt nie“).
  • Dann gibt es einen Anschlag auf das MI6 Hauptquartier („Die Welt ist nicht genug“),
  • Bond, der von seinen Trinkspielen („Jäger des verlorenen Schatzes“) genug hat,
  • besucht M unerwartet bei ihr zu Hause („Casino Royale“)
  • und da er ein gebrochener Mann ist, trägt er einen Bart („Stirb an einem anderen Tag“).
  • M logiert in einem anderen Hauptquartier ( „Man lebt nur zweimal“, „Der Mann mit dem goldenen Colt“, „Der Spion der mich liebte“),
  • doch Bond ist außer Dienst und muss sich Ms Vertrauen wieder erarbeiten („Stirb an einem anderen Tag“)
  • sowie einer medizinischen Untersuchung unterziehen, um wieder diensttauglich geschrieben zu werden („Die Welt ist nicht genug“).
  • Nun erhält Bond eine Waffe mit Fingerabdruckleser, die nur er verwenden kann („Lizenz zum Töten“)
  • und einen Sender („Goldfinger“).
  • Über einen Killer, den man über besondere Kugeln identifizieren kann („Der Mann mit dem goldenen Colt“)
  • und nach einem „You must be joking“ von Bond zu Q („Goldfinger“, „Stirb an einem anderen Tag“)
  • bringt Bond den Killer um, ohne wirklich etwas zu erfahren („Ein Quantum Trost“).
  • Trotzdem kommt er zum Oberschurken und wir finden heraus, dass hinter allem ein ehemaliger Agent steckt („GoldenEye“),
  • der sich nur an M rächen will („Die Welt ist nicht genug“)
  • und damit er einen musikalisch untermalten Luftangriff starten kann („Apokalypse Now“)
  • locken ihn Bond, M und Groundskeeper Willy in ein mit Fallen versehenes Haus („Kevin – Allein zu Haus“).

Abfall

Ich persönlich finde den Film sehr enttäuschend – vor allem, weil man aus ihm einen wirklich guten Bond hätte machen können. Bei „Quantum Toast“ ist es mir egal, der ist Schrott, da ist nichts zu retten, aber hier wäre durchaus Potential gewesen. Ein paar Kleinigkeiten nur, und alles hätte gepasst: Kein Neustart, sondern ein „Casino Royale“ mit Pierce Brosnan und dann diesen Film hier mit Brosnan – und einem guten Soundtrack von David Arnold. Das hätte ein super Film sein können, bei dem auch das „Bond ist zu lange im Job“ funktioniert hätte.

Doch das wird dadurch ad absurdum geführt, dass die beiden Vorgänger unumstößlich Bond in seinen Kinderschuhen bei seiner ersten Doppelnull-Mission zeigen. Als dritten Film dann etwas zu machen, wo man sich mit dem angeblichen Alter und zuviel Einsätzen beschäftigt, ist schlechterdings idiotisch.

Dazu kommt die Musik von Thomas Newman, die beweist, dass es eine Kunst für sich ist, einen angemessenen Bond Soundtrack zu schreiben. Er macht da irgendwas, aber es gibt zu wenig Anklänge an das Bond Thema oder den Titelsong. Der ist übrigens großartig und so ziemlich das Einzige an diesem Film, das einem das Gefühl von Bond gibt.

Der Teaser, der möglicherweise sogar länger ist als der von „Die Welt ist nicht genug“, beginnt ohne die Gunbarrel-Sequenz – die kommt mal wieder zum Schluss, was den Film einmal mehr mit dem Bond Thema beendet. Der Grund dafür scheint weniger die Einblendung des 50 Jahre Bond Logos gewesen zu sein, als die Tatsache, dass Sam Mendes Eröffnung sich mit der Gunbarrel stilistisch gebissen hätte – ja, man weiß bei so was ja auch nicht, wie so eine Gunbarrel-Sequenz wohl wirkt.

Bonds Motorradstunt, mit dem er von der Brücke segelt, ist schlechterdings idiotisch, weil man sich mit so was eher das Genick bricht als sonst was, aber diese Art Idiotie ist dem Bond Franchise ja nicht fremd. Fällt wohl in die gleiche Kategorie wie die Tatsache, dass in dem Zug, dessen a) letzter Wagen abgekoppelt wird und b) Bond die Rückwand des vorletzten Wagens vernichtet, niemand die Notbremse zieht – was dann den Zug gleichermaßen wie die Handlung des abrupt zum Stoppen gebracht hätte.

Mutterkomplex

Nein, so komplex wie er gerne wäre, ist dieser Film nicht. Er ist zu lang, aber das ist uns ja auch nicht neu. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Bond so eine Art Mutterkomplex hat, d.h. ob er in M so eine Art Mutter sieht. Nein, eigentlich stellt sich die Frage, warum so was nicht einfach besser herausgearbeitet wird. Dann hätte man eine schöne Motivation… aber seit dem Neustart bleiben die meisten Dinge skizzenhaft, oder vielleicht auch nur einfach schlecht durchdacht.

Freunde von mir weisen darauf hin, dass beim Daniel Craig Bond die einzige Möglichkeit für eine Frau, den Film zu überleben, ist, nicht mit Bond zu schlafen. Frauen, die ihm erliegen, erliegen auch ihren Verletzungen – und haben fast alle einen Namen, der mit S beginnt. Außer Vesper sind das nämlich in der Reihenfolge ihres Ablebens Solange, Strawberry Fields und Sévérine. Da auch M in diesem Film das Zeitliche segnet, legt das dann logischerweise nahe, dass sie a) einen Vornamen hat, der mit S anfängt und b) auch sie was mit Bond hatte – was, um meinen Freund Marco Behrens zu zitieren, erklärt, warum Bond so fertig wirkt.

Hatten sich, so erfahren wir im Zusatzmaterial, die Musiker bei „Casino Royale“ noch gefreut, als sie am Ende des Films dann endlich das James Bond Thema in voller Schönheit spielen durften, scheint man sich hier eher dafür zu schämen und selbst an der Stelle, an der man es dann (für die Fans) einsetzt, scheint man das nicht mit der richtigen Freude an der Sache zu tun. Warum auch, man hat ja einen soviel besseren Sounddreck geschaffen!

Außerdem können die Produzenten wirklich froh sein, dass der Landsitz der Bonds so wohlklingend wenn auch unpassend „Skyfall“ heißt und nicht zum Beispiel „Schrottburg“, denn was wäre das für ein mieser Titel gewesen?!

Alles in allem wie gesagt eine Enttäuschung. Wo sich Bond von hier aus hinbewegen wird, wir wissen es nicht. Man kann nur hoffen, dass sie es vielleicht mal schaffen, einen echten Bond Film zu machen, denn bisher hat Daniel Craig keinen zu verzeichnen!

Lieblingsfilm?

Bond kann sich glücklich schätzen, dass ich in seinem Fall Komplettsammler bin, denn wenn ich wirklich nur die Bond Filme in meiner Sammlung hätte, die ich wirklich gut finde… dann wären das „Goldfinger“ und „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“, „In tödlicher Mission“, vielleicht noch „Liebesgrüße aus Moskau“, weil das die einzigen sind, die von vorne bis hinten funktionieren. Eventuell „Sag niemals nie“. Macht man ein paar Abstriche, kämen vielleicht noch „Der Hauch des Todes“ und „Der Morgen stirbt nie“ dazu, eventuell „Stirb an einem anderen Tag“, wegen der großartigen ersten Stunde. Möglicherweise, weil ich dann eh nicht so ein großer Fan wäre, „Casino Royale“. Aber ich denke, das wäre es dann auch schon. Und wäre „Skyfall“ wirklich der Abschluss der Reihe, ich wäre erschüttert, nicht gerührt!

Skyfall (2012)

Originaltitel: Skyfall

Regie: Sam Mendes

Musik: Thomas Newman / Titelsong: Adele

James Bond: Daniel Craig / Dietmar Wunder

Silva: Javier Bardem / Carlos Lobo

Gareth Mallory: Ralph Fiennes / Udo Schenk

Eve: Naomi Harris / Vera Teltz

Sévérine: Bérénice Marlohe / Luise Helm

Kincade: Albert Finney / Jochen Striebeck

Bill Tanner: Rory Kinnear / Frank Schaff

und

M: Judy Dench / Gisela Fritsch

Q: Ben Whishaw / Tobias Nath

Popkulturelle Differenzen

kehrt zurück

mit

Wie auch immer der neue Bond heißen wird

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