Raumschiff Orion

Niemand scheint es müde zu werden, das dumme Klischee zu wiederholen, das ALLE zu diesem Thema aufbieten:

Die haben da ein Bügeleisen, kicher!

Ja, seufz, wie überaus fachkundig diese Aussage ist, und wie gut sie die Serie zusammenfasst… oder nein, sagt sie nur etwas über die Einfältigkeit desjenigen, der das als das Wichtigste nennt, was er über diese Serie sagen kann? Meiner Meinung nach: Ja! Also beginnen wir doch mal mit einer etwas differenzierteren Herangehensweise, zum Beispiel dass die Serie korrekt

Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion

heißt. Wohlgemerkt, des „Raumschiffes Orion“, nicht des „Raumschiffs“, wie schlampigerweise auf der Box aufgedruckt. Ja, die Serie ist alt, ja, die Serie ist in schwarz/weiß und ja, die Serie hat ihre Macken. Dass Dr. McCoy bei „Raumschiff Enterprise“ einen Salzstreuer benutzt, um Krankheiten zu diagnostizieren… nein, das haben die „Bügeleisen“-Schreier nicht gesagt, oder? (Man sieht es übrigens in u.a. Folge 1 nach etwa 16 Minuten, nur für alle, die es interessiert, und in Folge 4 kommt ein anderes Bügeleisen zum Einsatz.)

Fernsehen in Deutschland war… meist anders, um es höflich zu formulieren. In Amerika war es immer eine große Industrie, was bedeutet, dass viel Geld hineinfließt, damit man noch mehr damit verdienen kann. Ergo: Größeres Budget und damit bessere Ausstattung. Auch das hindert das klassische „Star Trek“ nicht daran, teilweise so auszusehen, als habe man in billigen Kulissen gedreht – aber die Schauwerte sind eben ein wenig größer als bei einer deutschen Produktion dieser Zeit. Und hier sei angemerkt, dass „Orion“ ein Jahr vor „Star Trek“ gedreht wurde, ich denke, auch das sollte man nicht vergessen. Hinzu kommt auch, dass die Amerikaner einfach größere Routine darin haben, Fernsehen runterzukurbeln und auch das hilft dabei, eine beschissene Serie vielleicht nicht ganz so beschissen aussehen zu lassen, wie das eine ähnliche aus Deutschland tun würde. Aber kommen wir zurück zu „Orion“, wie schlecht und blöd und albern ist das denn nun?

Da muss ich mal eine Lanzet brechen

Für diese Serie. Ja, die Schauwerte sind in der Tat schwächer als bei Trek, aber heißt das, dass sie der amerikanischen Serie in allem unterlegen ist? Mitnichten! Denn es gibt (für mich) eine Sache, die über schlechte Effekte hinwegblicken lassen kann: Titten! Äh, ich wollte sagen: Handlung! Oder, manchmal auch Humor. Wie bei „Per Anhalter durch die Galaxis“. Aber wenn die Handlung wirklich gut ist, kann ich damit leben, dass die Effekte nicht so dolle sind. Und in diesem Punkt muss Orion Trek eigentlich in nichts nachstehen. Die Geschichten sind gut, haben auch ihre logischen/wissenschaftlichen Problemchen (eine Supernova, die man auf die Erde abgefeuert hat… ach, man könnte Bücher damit verbringen, aufzulisten, was daran alles falsch ist…), aber sie haben ein paar Dinge, in denen sie Trek sogar ein wenig überlegen sind. Eins davon ist eine sich weiterentwickelnde Handlung. Hat man bei Trek am Ende jeder Folge wieder den Status quo erreicht, so bauen hier die Geschichten aufeinander auf und entwickeln sich weiter. Das ist, zumindest was das Science Fiction Fernsehen angeht, seiner Zeit weit voraus. Um die 20 Jahre, würde ich schätzen, wenn man mit „V“ die erste SF-Serie mit durchgehender Handlung festlegt, Trek schafft das erst in Zügen mit „The Next Generation“ Ende der 80er und dann erstmals richtig mit „Deep Space Nine“ in den 90ern. Wofür der Star Trek Kosmos also ein paar Jahrzehnte gebraucht hat, bei Orion findet man es schon in der ersten… und leider einzigen Staffel.

Man könnte jetzt natürlich sagen: Boah, das Raumschiff sieht aber total so ähnlich aus wie das bei „Alarm im Weltall“. Ja, da ist was dran – aber bei dem Film sind die Hauptfiguren des Schiffes auch der Captain, der erste Offizier und der Schiffsarzt. Klingt irgendwie vertraut, oder? Wofür „Star Trek“ übrigens drei Kinofilme brauchte, das macht „Orion“ direkt in der zweiten Folge: Der Kapitän opfert sein Schiff und bekommt ein neues mit einer höheren Nummer (Orion 8). Und dann gibt es da eine Sitzung des Generalstabs, an der McLane teilnimmt, obwohl er da eigentlich nichts zu suchen hätte (Kirk in „Star Trek 6“) und am Ende wird der rebellische Raumschiffkommandant, dem man Insubordination vorwirft („Star Trek 4 und 6“) für die Rettung der Erde von den Anklagepunkten freigesprochen und er erhält sein Kommando in alter Weise zurück („Star Trek 4“). Hmmm…

Stars und Sterne

In Deutschland ist es irgendwie schwierig, von Stars zu sprechen (was man heute damit umgeht, dass man direkt alle zu „Superstars“ macht, was den Begriff zum Glück völlig entwertet), aber mit Dietmar Schönherr als Commander hat man hier schon einen großen Star der damaligen Zeit bekommen. Der spielt Cliff McLane überraschend aufbrausend und aggressiv. Fast interessanter sind aber ein paar der anderen Schauspieler, die sich hier die Ehre geben. Nicht weniger als drei Zeichentrickserien sind sehr prominent vertreten. Eine der Lieblingsserien meiner Jugend zum Beispiel: „Captain Future“. Der hatte einen Roboter und einen Androiden zur Seite – gesprochen von Friedrich G. Beckhaus und Wolfgang Völz… die hier als Atan Shubashi und Mario de Monti mit an Bord sind. Oh, übrigens, Gene Roddenberry, das ist wahre Multinationalität: Cliff, Tamara, Hasso, Mario, Atan und Helga – ein paar mehr Nationen, als auf der Enterprise, wo alle eigentlich eher amerikanische Staatsbürger waren und man erst in der zweiten Staffel einen Russen an Bord holte, und nach den Deutschen (Herr Jäger) muss man suchen! Einer der Offiziere an Bord der Hydra wird gespielt von Norbert Gastell – der deutschen Stimme von Homer Simpson. Und da wir da noch nicht aufhören wollen, haben wir als Stabsleutnant auch Thomas Reiner mit dabei – dem Professor aus „Futurama“. (Mit Friedrich Joloff und Wolfgang Büttner geben sich auch zwei deutsche Stimmen von Blofeld die Ehre, aber das nur am Rande.) So gesehen ist die Serie prominent besetzt… wenn man weiß, worauf man achten muss!

Deutschland, deine Helden

Außer beim Fußball scheint Deutschland seine Helden und Nationalheiligtümer nicht wirklich zu würdigen zu wissen, vielleicht mal vom „Tatort“ abgesehen. In England schätzt man seine kulturellen Schätze, hegt, pflegt und verehrt sie. „Doctor Who“, ebenfalls in den 60ern kreiert, feierte jüngst sein 50. Jubiläum. Doch in Deutschland… Pustekuchen. Man hätte die Serie irgendwann wieder aufleben lassen können, und das mehr als in einem Zusammenschnitt von ein paar Episoden fürs Kino. Man hätte, wie bei „Star Trek“, einen Neustart machen können, die alten Recken (solange die Schauspieler noch leben) in ihre alten Rollen zurückholen, Captain McLane noch einmal auf ein letztes Abenteuer schicken und dann mit einer neuen Crew, neuen Effekten und einem neuen Bügeleisen weitermachen. Die alten hätten immer mal wieder als Gäste auftreten können, die Abenteuer des Raumschiffes Orion hätten weitergehen können… Aber das ist das deutsche Fernsehen, meine Freunde, kein Interesse an so was, obwohl die Rechte garantiert irgendwo beim Bayerischen Rundfunk liegen müssten. Aber das interessiert keinen, denn… ja, man hat das Gefühl, man hat in Deutschland kein Interesse daran, gutes Fernsehen zu machen. Und das ist wirklich traurig, denn „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ beweist, dass es eine Zeit gab, in der das durchaus möglich war!

Halb_Fiction446

Ein Gedanke zu “Raumschiff Orion

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