Neu im Kino: Mr. Holmes

Sherlock Holmes hat sich auf dem Land mit einer Bienenzucht zur Ruhe gesetzt. Doch nun holt ihn die Vergangenheit ein, wenn auch sehr, sehr langsam, denn er leidet ein wenig unter Vergesslichkeit…

Das ist nicht der Sherlock Holmes eurer Eltern

Oder vielleicht doch? Sherlock Holmes hat im Laufe seiner Existenz eine Menge neuer Gesichter gehabt und die eine oder andere Wandlung durchgemacht. Gerade in letzter Zeit erfreut er sich wieder enormer Popularität, teils als von Robert Downey jr. zum Schläger degradierten „Sherlock Holmes“, teils als cleverer Soziopath „Sherlock“, fürs britische Fernsehen exquisit dargestellt von Benedict Cumberbatch oder als dessen amerikanischer Fernseh-Abklatsch „Elementary“ mit Johnny Lee Miller in der Hauptrolle, Holmes ist wieder da. Und nun kehrt er auch noch als alter Mann zurück, der seine Deduktions-Karriere hinter sich hat und bei dem das Gedächtnis nicht mehr so richtig mitspielt. Das hätte eine großartige Grundlage für einen phantastischen Krimi sein können, in dem ein gedächtnisgeplagter Holmes gegen einen cleveren Gegner antreten muss, doch sagen wir es direkt:

Das ist kein Krimi!

Es ist mehr eine Persönlichkeitsstudie. Natürlich gibt es Einsprengsel von ein bis zwei Fällen – und irgendwie sind die die Höhepunkte des Films. Es ist wie bei „House“, da waren die besten Teile der Episoden die, in denen er Holmes-gleich im Schnellverfahren Leuten auf den Kopf zusagt, was ihre Krankheit ist. Und wenn man es mit dem größten oder zumindest bekanntesten Detektiv aller Zeiten zu tun hat, dann möchte man ihn eigentlich in Aktion sehen und nicht dabei beobachten, wie er sein Leid klagt. Oder eben er hätte Demenz Holmes sein müssen, der gegen Krankheit und Gegner kämpft und bei beidem zu unterliegen scheint, bis…

Hier erleben wir also eher, wie es einem alternden Holmes geht, wenn er sich zur Ruhe gesetzt hat und nicht mehr alles so will, wie er das möchte. Es entspinnt sich eine nette Freundschaft zwischen ihm und dem Sohn seiner Haushälterin und man erhält einen netten kleinen Einblick darin, wie seine Popularität, für die John Watsons Geschichten und auch die Filme verantwortlich sind, seine Arbeit und seine Person ein wenig verändert haben. Auch das wäre ein sehr schöner Film gewesen, aber es wird hier nur angerissen. Hauptsächlich geht es um Bienen und japanischen Pfeffer. Wer also die Aufklärung von Verbrechen sehen möchte, der dürfte hier eher enttäuscht werden.

Intelligenz hat ihren Preis

Gute Gelegenheit, einen kleinen Exkurs zu machen. Früher war Intelligenz noch etwas tolles, das sich nur wenige Leute leisten konnten, und das ein Grund zur Freude war – Irene Adler behauptet sogar in „Sherlock“ intelligent wäre das neue sexy. Doch sie lügt, denn ihre eigene Serie straft diese Aussage Lügen – wie so viele andere Serien. Wir müssen nicht erst zu „Monk“ gehen, bei dem der Detektiv ein Autist ist. Nehmen wir „House“ oder auch den Sherlock aus „Elementary“: beide sind Drogenabhängige! Der kluge Ermittler in „Death in Paradise“ zeigt auch sehr eigenbrödlerische, um nicht zu sagen gesellschaftsfeindlich/autistische Züge. Und der Sherlock von „Sherlock“ bezeichnet sich selbst als Soziopathen – tja, meine Lieben, der Preis der Intelligenz ist heutzutage irgendeine Störung. Soll das unterbewusst eine Botschaft vermitteln? Kinder, werdet ja nicht intelligent, denn das ist ungesund und gesellschaftsfeindlich? Oder soll es Trost geben für all die, die nicht so viel in der Birne haben, um ihnen zu zeigen, dass klug zu sein auch ein paar unangenehme Nebeneffekte hat? Nun, wir werden es vielleicht nie herausfinden.

Gandalf ermittelt

Wenn man eine Charakterstudie macht, wäre es hilfreich, auch einen Charakterdarsteller zu haben und nicht Hayden Christensen. Hier tritt nun also der große Ian McKellen in die Schuhe, die vor ihm schon so viele andere getragen haben (Peter Cushing, Christopher Lee, Ian Richardson, Michael Caine, Stewart Granger, Roger Moore und vor allem der großartige Basil Rathbone, um nur eine klitzekleine Auswahl zu nennen) und großartiger Schauspieler der er ist, füllt er sie natürlich angemessen gut. Eigentlich wünscht man sich ein Prequel mit ihm, in dem er Holmes vor seinem Verfall spielt, mit einem guten Dr. Wattsen an seiner Seite – aber das wird wohl leider nie passieren. Auch Laura Linney als seine Haushälterin macht ihre Sache sehr gut, ebenso wie Milo Parker als deren Sohn. Ein alter Bekannter aus der ersten Folge von „Sherlock“ ist übrigens auch dabei: Phil Davis. Ebenfalls eine nette Idee ist, dass der Holmes des Films im Film von Nicholas Rowe gespielt wird, der vor vielen Jahren den jungen Sherlock Holmes in „Das Geheimnis des verborgenen Tempels“ spielte.

Mit

Ian McKellen, Laira Linney, Milo Parker, Hiroyuki Sanada, Hattie Morahan, Nicholas Rowe, Phil Davis – Regie: Bill Condon

Fazit Holmes

Interessante Charakterstudie eines alternden Sherlock Holmes, bei der die Kriminalistik jedoch zu Gunsten der „Studie in Sherlock“ ein wenig auf der Strecke bleibt. Ab 24. Dezember 2015 im Kino.

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