Neu im Kino: Toni Erdmann

Von seiner Tochter ein wenig entfremdeter Vater besucht sie auf der Arbeit in Bukarest, wobei es dazu kommt, dass er die Figur Toni Erdmann erfindet, die an seiner statt mit der Tochter in Kontakt kommt…

Vorsicht!

Wenn Sie noch nichts, NICHTS über diesen Film gehört haben und völlig unbelastet an ihn herangehen möchten, dann lesen Sie jetzt nicht weiter und tun Sie das. Los, los, flieg, Vögelchen, flieg!

Es sei denn…

Ihnen gegenüber hat jemand behauptet, der Film wäre eine Komödie, dann sollten Sie definitiv weiterlesen!

Erwartungshaltung

Man kann sich einen Film durch eine bestimmte Erwartungshaltung versauen. Vor diesem Film wurde mir gesagt, er wäre eine Komödie und er wäre 162 Minuten lang. Letzteres stimmt. Und ich bin während des Films saurer und saurer geworden, weil das keine Komödie ist. Zum Glück vermeidet das Presseheft diesen Begriff größtenteils, denn sonst würde ich es den Verantwortlichen jetzt metaphorisch um die Ohren hauen. Sicher, der Film hat ein paar nette Stellen, aber wer auch immer behauptet, das sei eine Komödie, der hat schlicht keine Ahnung! Was als Erwartungshaltung den Film aber extrem unansehnlich macht, weil man ständig denkt: Leute, das hätte man streichen können, das trägt nichts zur Handlung bei, das ist bereits die zweite Wiederholung dieses Gags… all das hätte man auf gut 80 Minuten zusammenkürzen können – und das schon in der Drehbuchphase. Film ist eine Sache der Ökonomie. Bei Büchern kann man sich seitenweise auslassen und über acht Kapitel auch nur die Form eines einzigen Blattes beschreiben. Film geht anders. Da sollte man sich tunlichst auf das beschränken, was der Handlung dienlich ist – oder eben witzig, brutal, sexy oder obszön. Dieser Film bringt allein einen „Gag“ oder Ausspruch des Protagonisten DREIMAL – und das gefühlt in der ersten halben Stunde. Das ist ineffektiv, es sei denn, man macht einen Film über Alzheimer. Und all die vielen, langen Szenen, in denen die Tochter bei ihrer Arbeit gezeigt wird – hätte man alles auf eine kurze Szene zusammenkürzen können. Ja, wir verstehen worum es geht, Auftritt Toni Erdmann. Innerhalb der ersten halben Stunde. Dann Lernprozess. Doch der Film beschreitet andere, weite, sehr weite Pfade. Woody Allen hat, als er noch jung war, und keine Beziehung mit seiner Adoptivtochter hatte, postuiliert, eine gute Komödie ist maximal 90 Minuten lang. Und er hatte recht. Größtenteils. Dieser Film hier ist 2 Stunden 40 Minuten lang… und er ist keine Komödie!

Aaaaber…

Er bietet auch nicht genug Inhalt für diese Lauflänge! Wenn du einen Film machst, der fast drei Stunden lang ist, dann sollte die Handlung oder der Film oder sonst was EPISCH sein! „Herr der Ringe“, „Lawrence von Arabien“, solche Filme können es sich leisten, 3 Stunden oder länger zu sein. „Toni Erdmann“, tut mir leid, kann es nicht. Denn für die Handlung, die er erzählt, benötigt man diese Zeit nicht. Tatsächlich wirkt er an manchen Stellen wie das Buch, das Michael Douglas in „Die WonderBoys“ schreibt, so, als hätte niemand eine Entscheidung getroffen, sondern einfach gemacht… weshalb sein Buch gefühlte 3.000 Seiten lang ist und hier Szenen unnötig lang sind. Meine Güte, wenn die Tochter vom Auto abgeholt wird, dann muss man nicht noch erst zwei Wagen vorbeifahren lassen, bevor ihr Wagen kommt. Raus und einsteigen, verdammtnochmal, alles andere ist ineffektive, selbstverliebte Regie.

Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen habe…

komme ich zu der, wie ich annehme, unpopulären Bewertung, dass der Film eigentlich eine Unverschämtheit ist! Eigentlich wäre dies die Rohschnittfassung, aus der man dann noch einen vernünftigen Film schneidet, bei dem Handlung und Länge miteinander in Einklang stehen. Doch zu glauben, dass dies die Länge und Form ist, in denen man dem Zuschauer diesen Film präsentieren muss, dass man ihm fast drei Stunden seines Lebens rauben darf, weil man nicht willens war, da zu kürzen, wo es durchaus angemessen gewesen wäre, halte ich für arrogant und unverschämt – und damit bin ich wieder so sauer, wie während der Vorführung!

Toni Fazit

Also auch wenn der Film keine Komödie ist, ist er für das, was er zu erzählen hat, schlicht zu lang – und das schadet dem Gesamteindruck. Aber, um auch mal was Positives zu sagen, die Schauspieler sind alle durch die Bank weg gut und lassen dankbarerweise das gekünstelte deutsche Spiel vermissen. Peter Simonischek sieht mit Perücke und falschen Zähnen auch aus wie eine Loriot-Figur – die Schwächen liegen aber darin, dass man das, was man erzählen wollte, nicht in eine Form und Länge gebracht hat, die dem angemessener gewesen wäre. Ab 14. Juli 2016 im Kino.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Filme veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s