Neu auf DVD: Best of Jean-Luc Godard

Ein Fest für Filmfreunde. 10 Filme von Godard. Ein Regisseur, jede Menge Entwicklung. Viel zu selten hat man die Gelegenheit, in einer solchen Weise die kreative Weiterentwicklung eines Filmemachers verfolgen zu können. Hier kann man nun dank Studiocanal sehr komprimiert sehen, wie experimentierfreudig Godard war und wie sich das auf seine Arbeit ausgewirkt hat.

Außer Atem (1960)

Mit Jean-Paul Belmondo (Peer Schmidt)

Ein Autodieb, der sich für eine Amerikanerin interessiert. Doch nachdem er in Ausübung seines Berufs jemanden ermordet hat, ist die Polizei hinter ihm her…

Godards erster Spielfilm – und die Vorlage von „Atemlos“ mit Richard Gere. Interessant bei diesem Film ist auch das, was man im Zusatzmaterial erfährt und was das, was man vorher gesehen hat, durchaus erklärt. Denn offensichtlich war die erste Schnittfassung des Films so lang, dass Godard einen ungewöhnlichen und geradezu revolutionären Weg ging, um ihn zu kürzen. Schnelle Schnitte innerhalb von Szenen und Takes verleihen dem Film einen ganz eigenen Stil, der seitdem oft kopiert worden sein dürfte. Jean Seberg, die Hauptdarstellerin, war damals offenbar ein Star – Belmondo wurde spätestens jetzt einer.

Der kleine Soldat (1961)

Mit Michel Sabor (Christian Wolff)

Ein Agent, Terrorist und Photograph, der ein Mädchen begehrt und Morde begehen soll…

Es liegt vielleicht daran, dass es hier keinen (zukünftigen) Star wie Belmondo gibt und dass die aus einer Not entstandene Schnitttechnik nicht auftaucht, aber irgendwie wirkt eher dieser Film wie das Erstlingswerk eines Regisseurs (man fühlt sich ein wenig an Christopher Nolans „Following“ erinnert, was aber vielleicht auch nur daran liegt, dass der auch in schwarz/weiß ist). Dafür gibt es Philosophie, über wichtige Themen wie Liebe und Krieg. Und man könnte sogar einen Vergleich mit Tarantino herstellen. Auch wenn der immer gerne als originell gelobt wird, so war er doch bei vielen Dingen nicht der erste, der es a) gemacht und b) großartig gemacht hat. Der Einsatz von populärer Musik mag Tarantino gut gelingen, aber schon Stanley Kubrick hat etwas ähnliches und sehr effektiv in „Full Metal Jackett“ gemacht. Popkulturanspielungen sind ein Steckenpferd von Tarantino – Godard macht es hier auch und vor. Allerdings nicht mit Filmen, sondern mit Malern und Komponisten. Also war er nicht nur in Sachen interessanter Schnitttechnik ein Vorreiter.

Die Geschichte ist hart und gemein und wenn die Amerikaner Waterboarding vorher nicht kannten, dann mag dieser Film sie dazu inspiriert haben, denn Folter und der Algerienkonflikt spielen hier genauso eine Rolle wie Liebe und Mord… und natürlich Godards künftige, Anna Karina. Sie soll uns und ihn noch für einige Zeit begleiten – das Zusatzmaterial mit den sehr erhellenden Einführungen von Colin McCabe erklärt uns, wie sich die beiden kennengelernt haben…

Eine Frau ist eine Frau (1961)

Mit Jean-Paul Belmondo (Peer Schmidt)

Eine Frau zwischen zwei Männern… mit Musikeinlagen.

Wie schon bei „Außer Atem“ geht Godard hier in der Umsetzung einen sehr eigenwilligen Weg. Man merkt ihm an, dass er nicht an Konventionen gebunden ist, sondern gerne experimentiert. Dieser Film ist ein hervorragendes Beispiel dafür, sowohl durch kurze, skurrile Szenen als auch durch den Einsatz von Schnitt und Musik. Außerdem wird mit dem Medium gebrochen, indem der Zuschauer direkt angesprochen wird.

Die Verachtung (1963)

Mit Brigitte Bardot (Margot Leonard), Michel Piccoli (Heinz Drache), Fritz Lang (Alfred Balthoff)

Ein französischer Autor soll für einen amerikanischen Produzenten die Geschichte von Odysseus zu einem Drehbuch verarbeiten, damit ein deutscher Regisseur daraus einen Film machen kann, doch während sich Regisseur und Produzent nicht ganz grün sind, verschlechtert sich auch das Verhältnis zwischen dem Autoren und seiner schönen Frau…

Offenbar Godards teuerster Film – was an dem damaligen europäischen Star Brigitte Bardot gelegen hat. Ein Film über das Filmen, aber auch wenn man es von Godard vielleicht erwarten würde, ohne das Spiel der Vermischung von Filmwelt und Realität, ohne größere Metaebene, außer, dass sein Verhältnis zu seinem wirklichen Produzenten dem von Fritz Lang mit dem von Jack Palance dargestellten im Film sehr ähnlich gewesen sein soll. Und wieder sehen wir etwas, bei dem Godard eine bestimmte Sache vorweggenommen hat: Die Konsequenz, mit der Piccoli in diesem Film seinen Hut trägt, ähnelt sehr der, die Colin Firth in dem Film „Genius“ von 2016 an den Tag legt. Inspiration?

Machen wir einen kleinen Schlenker zur deutschen Fassung. Margot Leonard, die auch Marilyn Monroe ihre zauberhafte Stimme verlieh, hat nicht nur die MM gesprochen, sondern auch die BB, also Brigitte Bardot. Aus dem Mund von Michel Piccoli hört man hier jedoch nicht die Stimme von Gert Günther Hoffmann, denn der sollte ihm erstmals ein Jahr später seine Stimme leihen. Was uns um eins der „Traumpaare“ des deutschen Synchrons bringt, denn die Kombination von Leonard und Hoffmann hört man überraschend oft: In mindestens drei Bond-Filmen („Goldfinger“, „Feuerball“ und „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“), in einer Folge von „Raumschiff Enterprise“ und als Emma Peel und Mr. Steed in „Mit Schirm, Charme und Melone“, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ein Jahr später hätte sich die Sache also vielleicht schon anders angehört…

Die Außenseiterbande (1964)

Mit Claude Brasseur (Thomas Braut), Sami Frey (Wolfgang Draeger)

Eine junge Frau zwischen zwei Männern, zwei Einbrecher vor einem Einbruch – und es sind beides dieselben Männer…

Ein bisschen wie eine Mischung aus „Außer Atem“ und „Eine Frau ist eine Frau“ mit einem Hauch „Die Verachtung“ am Schluss, aber ohne Belmondo. Anna Karina muss sich diesmal zwischen Claude Brasseur und Sami Frey entscheiden, die sich als die unfähigsten Einbrecher der Welt erweisen, so dass das eigentlich eine Komödie hätte sein können, denn offenbar versuchen sie weder während des Einbruchs unauffällig und leise zu sein, noch schützen sie die Identität ihrer Komplizin. Als abgedrehte Farce, mehr im Stile von „Eine Frau ist eine Frau“, hätte das besser funktionieren können.

Eine verheiratete Frau (1964)

Mit Macha Meril (Marion Hartmann), Philippe Leroy (Gert Günther Hoffmann), Bernard Noel (Jürgen Thormann)

Eine Frau, ihr Liebhaber, ihr Ehemann…

Langsam kristallisiert sich das Thema Dreiecksbeziehungen deutlich heraus. In „Die Verachtung“ war es mehr ein drohender Schatten über allem, die Angst der BB, an den amerikanischen Produzenten „verkauft“ zu werden, am Ende dann aber… Hier nun steht es wieder im Mittelpunkt – und wie immer ist es eine Frau zwischen zwei Männern, nicht umgekehrt. Inszeniert ist das Ganze, neben den philosophischen Diskursen, in einer Art zurückhaltender Erotik. Hände spielen dabei eine große Rolle, Rücken, Beine, Gesichter. Aber nichts, was die amerikanischen Zensurbehören auf den Plan rufen würde.

Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60 (1965)

Eddie Constantine (Heinz Engelmann), Anna Karina (Renate Küster), Jean-Luc Godard (Arnold Marquis), Jean-Pierre Léaud (Wolfgang Draeger)

Agent Lemmy Caution kommt in die Hauptstadt der Milchstraße, Alphaville, um es dort mit einem alles beherrschenden Computer aufzunehmen…

Lemmy Cautions erster Leinwandauftritt war bereits 1953 und Eddie Constantine hat ihn seitdem etwa 12mal gespielt, u.a. in zwei Episoden von „Kottan ermittelt“. Damit war er öfter Lemmy Caution, als irgendeiner der Bond-Darsteller James Bond. Ähnlich wie Louis de Funes wurde Constantine in Deutschland zu einer Marke, so dass man seinen eigenen Namen gern in die Titel einbaute, wie „Eddie lässt die Puppen tanzen“, „Eddie krault nur kesse Katzen“ und „Eddie wieder colt-richtig“. Dieser Film nun geht, möglicherweise durch Bond angespornt, stark in eine Science Fiction Richtung – die möglicherweise später nicht mehr aufgegriffen wird?

Aus dem Bonusmaterial geht einiges über Godards Arbeitsweise hervor, aber auch, wie sich dieser Film auf die Karriere von Eddie Constantine ausgewirkt hat.

Obwohl eine Fassung erstellt wurde, in der u.a. mit Walter Niklaus (Eddie Constantine), Alexandra Wilcke (Anna Karina) und Otto Mellies (Jean-Luc Godard) die in der deutschen Fassung fehlenden Stellen nachsynchronisiert wurden, hat man diese Version für die DVD leider nicht verwendet und erhält den Film an den entsprechenden Stellen OmU.

Elf Uhr nachts (1965)

Mit Jean-Paul Belmondo (Klaus Kindler)

So eine Art Gangsterpärchen zieht sich auf eine Insel zurück, doch dann wird ihnen langweilig…

Wieder gibt es surreale Elemente, es gibt den Gastauftritt eines bekannten Regisseurs als er selbst (Samuel Fuller), es gibt Folter in der Badewanne und Anna Karina als die weibliche Hauptrolle. Die Brechungen wie direkte Ansprache des Zuschauers sind nett, aber im großen und ganzen ist das Endergebnis eher wirr als befriedigend.

Weekend (1967)

Mit Mireille Darc (Helga Trümper), Jean Yanne (Günther Ungeheuer)

Ein Paar fährt am Wochenende raus aufs Land, doch es braucht ewig, um sein Ziel zu erreichen, weil es von Unfällen, Anhaltern und Kannibalen aufgehalten wird…

Krass, schräg, abgedreht, surreal, hart, böse – und streckenweise ein bisschen zu lang. Man erkennt Anzeichen einer wunderbar bösen, schwarzen Komödie, aber dann gibt es Strecken, die sich leider genauso hinziehen wie der Stau auf der Landstraße. Wieder einmal paaren sich wunderbare Ideen mit skurrilen Einfällen, am Ende nimmt der Film sogar ein wenig den ersten „Mad Max“ vorweg, spielt er doch in einer Welt, in der blutige Autounfälle an der Tagesordnung sind und man beim Kannibalen zum Essen eingeladen wird. Ein bisschen konsequenter umgesetzt hätte das ein phantastischer Film sein können, so erfreut man sich an den absurd-bösen Elementen und versucht, über die Längen hinwegzublicken.

Das Buch der Maria + Maria und Joseph (1985)

Mit Bruno Cremer (Reinhard Glemnitz)

Maria ist mit Joseph zusammen, wird dann aber, ohne Sex zu haben, schwanger…

Nach einem kleinen Film mit Bruno Cremer präsentiert uns Godard die jungfräuliche Schwangerschaft in der Gegenwart der 80er. Das ist eine ganz schöne Idee, aus der man aber auch noch mehr hätte herausholen können, besonders später, wenn Sohnemann da ist.

Jean-Luc Fazit

Der Meister des Schwenks, ein Element, das in all seinen Filmen vorzukommen scheint. Lange Szenen, kurze „Drehbücher“, Filme, die eher im Schnitt entstehen. Das ist interessant, aber nichts für Feministinnen, denn Frauen bekommen Ohrfeigen und werden in der Ehe vergewaltigt. Ein interessanter Einblick in die Entwicklung eines Regisseurs – ab 15.9.2016 auf DVD und Blu-ray.

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