Wie man seinen eigenen Mythos zerstört

Nun, dafür gibt es einen ganz einfachen Weg: Mach ein Prequel!

Gut, das würde vielleicht funktionieren, wenn du dir vorher überlegt hättest, was die Vorgeschichte deiner Figur ist. Und wenn du ein brauchbarer Autor bist. Ist aber beides nicht der Fall – und du hast es geschafft, eine echt coole Figur zu schaffen – dann lass am besten die Finger davon. Hier geht es aber nun – Sie werden es sich gedacht haben – um Leute, die das nicht getan haben!

„Krieg der Sterne“

George Lucas war vielleicht nicht der erste, der seine eigene Schöpfung sabotiert hat, aber er ist wohl das prominenteste Beispiel. Mit „Krieg der Sterne“, „Das Imperium schlägt zurück“ und „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ hatte er zu Beginn der 80er Jahre ein Universum geschaffen, das seinesgleichen suchte. Es unterschied sich von allen anderen, der Begriff „Science Fantasy“ wurde ins Rennen geschickt, was allerdings auch Quatsch ist, da das ganze mit Wissenschaft wenig zu tun hatte und eigentlich als „Space Fantasy“ bezeichnet werden müsste, aber ist ja auch egal.

Es wird immer wieder gesagt, George Lucas hätte die ganze Geschichte von „Star Wars“ bereits fertig gehabt und mit dem ersten Film habe er sich nur die spannendste Geschichte herausgenommen, was nahe legt, dass die Hintergrundgeschichte von Darth Vader, dem dunklen Sith-Lord, bereits in Lucas Kopf Gestalt angenommen hatte. Da aber auch gesagt wurde (von ihm selbst), die von Lucas geplante Anzahl der Filme sei 3, sei 6, sei 9, sei 12, also sich ständig widersprechende Angaben, muss man diese Behauptung vielleicht nicht zu ernst nehmen. Wahrscheinlich hatte er einen groben Plan, wie die Gesamtgeschichte aussehen sollte, doch da er (teilweise) die Drehbücher (der besseren Filme) anderen überlassen hat, dürfte sein ausgearbeitetes Material nicht besonders umfangreich gewesen sein.

Traurig ist, dass er scheinbar nicht verstanden hat, was das Einzigartige an dem von ihm geschaffenen Universum ausgemacht hat – und sei das auch nur durch mangelndes Budget und unzureichende Tricktechnik entstanden. Die Masken zum Beispiel, und die Helme. Im klassischen „Krieg der Sterne“ Universum tragen viele Leute die ganze Zeit eine Maske oder einen Helm, man sieht nie ihre Gesichter. Das macht den Reiz aus – und es gibt dem ganzen eine eigenständige Richtung. Niemand hat hinterfragt, warum die Stormtrooper ihre Helme nie abnehmen, oder Boba Fett. Man hat es hingenommen. Und als Vader in „Imperium“ schon „fast nackt“ zu sehen ist (man sieht seinen narbigen, glatzigen Hinterkopf), da war das Spannung, eine Offenbarung, eine Überraschung.

Bei der neuen Trilogie hatte Lucas Geld und die Mittel, eine Klonarmee zu zeigen, in der jeder Klon aussieht wie der andere, der Zwang, den Helm aufzubehalten entfiel – und damit ein Großteil des Charmes. Natürlich sei es Herrn Lucas unbenommen, sein Werk so umzusetzen, wie er es für richtig hält – ich würde mir als Autor auch verbitten, mir von irgendwelchen Fans in meine Arbeit reinreden zu lassen, weil die es angeblich besser wissen. Es ist sein absolutes Recht, mit „Star Wars“ das zu machen, was er für richtig hält – und es ist mein absolutes Recht als Fan, das, was er da macht, scheiße zu finden. Soviel zu diesem Thema.

Darth Vader

Vader war eine kultige Figur, der große Mann in schwarz mit Maske und Umhang, dessen Gesicht man nie zu sehen bekam, und wenn doch, dann hatte das eine Bedeutung. Er war die Verkörperung des Bösen – auch wenn er eigentlich immer nur der Handlanger war. Außer in „Imperium“, doch auch da muss er die Bitten seines Herrn und Meister, des Imperators, erledigen, wie in „Jedi“, während er in „Krieg der Sterne“ nach Tarkins „Pfeife tanzte“ (Zitat: Leia). Und doch hatte er was, er kämpfte selbst, verfolgte unsere Helden, war zunächst Mörder des Vaters der Hauptperson, dann dieser Vater selbst, der einst gut war und nur auf die böse Seite abgerutscht ist – das war spannend und aufregend. Man bekam immer nur ein bisschen an Information, wie den Ausblick auf seinen kahlen, narbigen Kopf, und mehr brauchte man eigentlich auch nicht. Die Figur, wie die meisten guten Figuren, definierte sich durch das was sie tat. Wie macht man so was kaputt?

Ganz einfach, man zeigt, wie er als Kind war. Ganz ehrlich, das hätte man nur noch übertreffen können, indem man ihn als Baby auf dem Töpfchen gezeigt hätte. Bei einer Figur wie Darth Vader wird der Mythos, den diese Figur hat, schlicht zerstört, wenn man im Nachhinein zeigt, wie er zu dem geworden ist… als was wir ihn kennen gelernt haben. Vielleicht ist das das Problem. Hätten wir seine Geschichte chronologisch, vom Anfang verfolgt – und wäre sie auch so entstanden – dann hätte es vielleicht funktionieren können. Doch uns im Nachhinein eine schwere Kindheit vorzumachen, die dazu geführt hat, dass aus dem doofen Bengel vom Lande der massenmordende Psychopath geworden ist, das funktioniert einfach nicht. Und das bringt uns direkt zu:

Boba Fett

Verwegene, undurchschaubare Figur in der alten Trilogie, durch seine Zurschaustellung als leicht nerviges Kind völlig zerstört. Was auch für den nächsten Kandidaten gilt:

Hannibal Lecter

Anthony Hopkins war großartig. Gefährlich. Angst einflößend. Wenn er still in einer Zelle stand. Dann lief es einem kalt den Rücken herunter. Doch dieser Mythos wurde nicht durch seine schwere Kindheit zerstört (das kam, kein Scherz, erst später), sondern durch den Film „Hannibal“, in dem man ihn nicht nur auf die Öffentlichkeit losließ, sondern auch zum verkappten Helden des Films machen wollte. Der Horror war weg, der Mythos dahin. Eine Bankrotterklärung für eine einst schauerliche Figur, bei der einem schon ein „näher, bitte“, das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. Da das des Schlechten aber noch nicht genug war, entblödete sich Buchautor und Lecter-Erfinder Thomas Harris nicht, auch ein Buch über die jungen Jahre des Serienkillers zu schreiben. Und, wenn der Film eine adäquate Umsetzung des Buches ist, dann hatte Lecter eine schlechte Kindheit und man hat ihm übel mitgespielt und Nazis waren da natürlich auch im Spiel. Aus dem Killer wird das Opfer, aus dem Mörder der Gegeißelte, aus dem Monster das Schoßhündchen.

X-Men

Einzig die „X-Men“ scheinen mir bislang ein Prequel zu haben, das weitgehend funktioniert und das nicht alle Figuren kaputt macht. (Und ich meine „X-Men: Erste Entscheidung“ – nicht „X-Men Origins: Wolverine“!!!) Vielleicht liegt es daran, dass mit gefühlten 10.000 Comicheften genügend Hintergrundmaterial vorliegt, vielleicht liegt es auch daran, dass man hier einfach mit mehr Feingefühl vorgegangen ist, wichtig ist, dass das nachgeschoben vorher spielende nicht all das zerstört, was zuvor in mühevoller Kleinarbeit aufgebaut wurde. Denn wenn wir an einem Punkt ankommen, wo wir mit dem brutalst mordenden Monster eines Films ungewollt Mitleid haben, es drücken und herzen wollen, ihm sagen, dass wir keine Angst vor ihm haben und dass jetzt alles gut wird, dann ist da irgendwo was ganz falsch gelaufen!

Halb_Fiction557

von Martin Cordemann

Dumme Filmklischees aus dem Weltraum

– Denn in der Zukunft ist alles besser…

…außer den Klischees! Wobei wir den Klassiker, dass es im Weltraum keine Luft und damit auch keine Geräusche gibt, einfach mal ignorieren. Wer sehen möchte, wie der Weltraum ohne Geräusche wirkt, sollte sich Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ ansehen… falls er die Affen aushält.

Seins, Fiction

Wenn wir uns im Weltraum befinden, oder in der Zukunft, oder beides, dann hat das den Vorteil, dass man alles behaupten kann – kann ja kein Mensch nachprüfen! Und überhaupt, wer hat denn schon Ahnung von so was? Nun, leider selbst oft die Autoren von Science Fiction Filmen nicht. Was die Sache nicht unbedingt vereinfacht. Hier also mal ein kleines Glossar, was gerne falsch gemacht wird von Leuten, die einfach keine Ahnung haben:

  • „Lichtjahr“ ist keine Zeiteinheit, sondern eine Entfernungsangabe. Das Licht braucht von unserer Sonne zur Erde etwa 8 Minuten (Lichtgeschwindigkeit), demnach ist unsere Sonne von der Erde 8 Lichtminuten entfernt. Also, war das denn so schwer?
  • „Sterne“ sind Himmelskörper, die selber leuchten (wie die Sonne), wenn Sie also „auf einem Stern landen“ wollen, verbrennen Sie sich die Füße… und einiges andere!
  • „Planeten“ sind Himmelskörper wie die Erde, keine Sonnen. Wie Venus, Mars und Snickers reflektieren sie das Licht, leuchten aber nicht von selbst, wie es Sterne tun (siehe „Sterne“).
  • „Parsec“ ist eine Entfernungseinheit. Auch wenn George Lucas im Audiokommentar sagt, dass bei ihm die Leute dadurch schneller sind, dass sie die kürzesten Wege finden, ist das Schwachsinn! Han Solo sagt, dass sein Schiff den Kesselflug in weniger als soundsoviel Parsec gemacht hat und dass der Falke „anderthalbfache Lichtgeschwindigkeit“ macht. Ganz ehrlich, wie will man im Weltraum irgendwo abkürzen? Und wie klein ist deren Galaxie? Weil, mit anderthalbfacher Lichtgeschwindigkeit ist er da so oder so ganz schön lange unterwegs! (Der nächste Stern von der Erde aus ist um die vier Lichtjahre entfernt, da bräuchte Freund Solo also ne ganze Menge Zeit, bis er dann da ist.)
  • „Giger, H.R.“ ist derjenige, der das „Alien“ geschaffen hat.

Sol 3

Ein weiteres Klischee von schlecht durchdachter Science Fiction: Die Nummerierung von Planeten. Streng genommen ja nicht verkehrt, was aber völlig idiotisch ist, dass die Leute, die dort leben, ihren Planeten genauso nennen, also zum Beispiel „Wir sind von Aldebaran 4“. Völliger Quatsch! Das wäre genauso, als würden wir sagen: „Wir kommen von Sol 3.“

(Für alle, die nicht wissen, was das bedeutet: Der Stern in unserem System, die Sonne, heißt „Sol“ und die Erde ist der dritte Planet von der Sonne aus gerechnet, also Sol 3.)

Zeit ist relativ

Und damit wollen wir jetzt noch nichtmal auf das weite Feld des Zeitreisens eingehen. Damit könnte man ganze Bücher füllen… und hat man, genau genommen, auch. Nein, worum es heute geht ist der Begriff der Zeit.

Ich weiß, das ist etwas spitzfindig und man macht es in den Filmen so, damit der Zuschauer begreift, was gemeint ist, aber es ist genauso ein Quatsch, dass ein Außerirdischer über „Jahre“ spricht, wie dass er seinen Planeten „Quenton 3“ nennt. Denn, meine lieben Freunde (und andere Leser), was ist Zeit?

Oder nein, anders: Was ist eine Stunde? Eine Minute? Eine Sekunde?

Was ist ein Tag? Was ist ein Monat? Was ist ein Jahr?

Zum ersten Fragenblock: Stunden, Minuten und Sekunden sind Zeiteinheiten, die man irgendwann bewusst festgelegt hat. Da gibt es in der Natur keine Grundlage für, man hat einfach bestimmt: Diese Zeitspanne von TICK bis TICK nennen wir „Sekunde“ etc. Jemand, der nicht von der Erde kommt, dürfte da zwangsläufig ein anderes System haben – so, wie die Deutsche Bahn!

Ein Tag ist bei uns die Zeit, die die Erde benötigt, sich einmal um sich selbst zu drehen, ein Jahr die Zeit, die sie braucht, sich einmal um die Sonne zu drehen. Mögen Außerirdische vielleicht auch diese Bezeichnungen benutzen, so wird ihr Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit eine andere Länge haben als unseres, denn selbst bei den Planeten in unserem eigenen Sonnensystem (Mars, Venus, Merkur etc.) sind Jahr und Tag keineswegs deckungsgleich mit denen der Erde. Wenn also ein Außerirdischer von „vor sieben Jahren“ spricht, macht er das für den Zuschauer – oder, er hat im Kopf eben schnell alles umgerechnet.

Keine Fremdsprachenkenntnisse erforderlich

O-Ton-Fanatiker regen sich gerne darüber auf, dass in der Synchronfassung „auf einmal alle Deutsch reden und das ist doch total unrealistisch“. Damit, dass aber so ziemlich jeder Außerirdische, der die Erde vorher noch nichtmal mit einem seiner drei Ärsche angeguckt hätte, plötzlich akzentfreies Englisch (wahlweise britisches oder breitestes amerikanisches) spricht, scheint ihm da weniger Kopfzerbrechen zu bereiten.

Auch in diesem Fall kann man die Spreu vom Weizen trennen, die gute Science Fiction von der schlechten. Die gute gibt sich Mühe, eine Erklärung zu finden (Universalübersetzer), sei sie auch noch so albern (Babelfisch). Die schlechte beschäftigt sich gar nicht erst mit dieser Frage („Stargate“). Oh, hätt ich da in der Klammer… ja, das erste war „Star Trek“ und das zweite „Per Anhalter durch die Galaxis“, aber ich denke, das war allen klar.

Im „Stargate“ Kinofilm von Roland Emmerich ist man das – und es ist traurig, das sagen zu müssen – cleverer angegangen als in der später kommenden Serie, denn hier beschäftigt man sich noch mit der ägyptischen Sprache und hat Verständigungsprobleme mit den Einheimischen auf dem fernen Planeten. In der Serie ist eine solche Problematik weggewischt, denn jeder Arsch vom Ende der Galaxis spricht Englisch – und das ist einfach doof!

Spitz, Namen!

Und auch, wenn der böse Außerirdische von nebenan mal zufällig kein Englisch spricht… irgendwie tut er’s dann doch. Indem er seinen Kameraden oder wem auch immer pfiffige Spitznamen gibt. Die spricht er zwar in seiner Landessprache aus, aber die Übersetzung in den Untertiteln zeigt uns dann, was es übersetzt heißt – und da beginnt dann oft das Problem. Wie bei der höchst enttäuschenden Serie „Defiance“. Hier hat die Außerirdische einen Kosenamen, den uns die Untertitel als „little Wolf“ wiedergeben. Ganz ehrlich, bescheuert! Denn das sind AUSSERIRIDSCHE von einem ANDEREN PLANETEN irgendwo AM ARSCH DER GALAXIS, also warum sollten diese Hinterwäldleraliens jemanden ausgerechnet „Wolf“ nennen, wo dieses Tier auf ihrer eigenen Welt doch bestimmt nicht heimisch und seit ihrer Ankunft auf der Erde doch bestimmt ausgestorben sein dürfte! Wann immer also ein außerirdischer Spitzname ein irdisches Wort/Tier/Wasweißich enthält, dann bedeutet das: schlampige Autoren!!!

Halb_Fiction593

von Martin Cordemann