Über das Zeitreisen

Lieber Leser, dies ist eine Einführung, die sich mit den Dingen beschäftigt, die zu beachten sind, falls Sie die Möglichkeit haben sollten, sich auf eine Reise zwischen die Zeiten zu begeben. Sollten Sie einen Zeitreiseanbieter Ihres Vertrauens haben, wird er Ihnen möglicherweise einige weitere Tipps geben können. Wie eine Zeitmaschine funktioniert, möchten wir an dieser Stelle der Wissenschaft überlassen. Falls Sie Probleme mit Ihrer Zeitmaschine haben, konsultieren Sie bitte die Gebrauchsanweisung oder fragen Sie den Hersteller.

Reisen in die Vergangenheit

Gut, beginnen wir mit Reisen in die Vergangenheit. Da kommen meist die abenteuerlichsten Ideen zustande. Beschränken wir das ganze auf zwei Möglichkeiten:

a) Sie können etwas verändern

und

b) Sie können nichts verändern.

Das ist es im Großen und Ganzen.

Beginnen wir mit a): Die Anwesenheit eines Zeitreisenden, also Ihnen in dem Fall, kann eine Veränderung hervorrufen.

Beispiel 1

Wenn Sie jemanden töten, hat das eine große Wirkung auf den bekannten Handlungsverlauf. Warum? Weil diese getötete Person ohne das Auftauchen des Zeitreisenden weitergelebt hätte, ganz einfach.

Die Folge: Alle Handlungen, an denen diese Person in der bisherigen Zeitlinie beteiligt war, würden sich ändern. Und das gilt auch für viele Handlungen, an denen andere Personen beteiligt waren. Das fängt mit einfachen Begegnungen an und hört mit dem Aussterben oder Überleben ganzer Familien wenn nicht sogar Arten auf.

Beispiel 2

Peter sollte Heidi zum Bahnhof bringen. Am nächsten Bahnhof würde Heidi Klaus durch einen Luftröhrenschnitt das Leben retten. Heidi heiratet den Sohn von Klaus mit dem sie drei Kinder hat. Klaus wird Anwalt und sorgt dafür, dass Hector nicht auf dem elektrischen Stuhl landet.

Und nun kommen Sie ins Spiel: Da Sie Peter umgebracht haben, bringt Peter Heidi nicht zum Bahnhof. Heidi verpasst den Zug. Da am nächsten Bahnhof kein Arzt vor Ort ist, stirbt Klaus. Hector wird nicht angemessen verteidigt und landet auf dem elektrischen Stuhl. Da Heidi Klaus Sohn nie kennen gelernt hat, heiratet sie den Börsenmakler Alfred, der leider unfruchtbar ist und so wird sie niemals Mutter.

Die Folge der Folge: Was Ihnen – und nun passen Sie bitte genau auf, denn jetzt wird es kompliziert – aus der Zukunft als Vergangenheit bekannt ist, würde sich verändern. Nach dem Schneeballprinzip. Radikal. Es beginnt mit einem von Ihnen umgekippten Dominostein und endet mit dem Umkippen aller Klötze in einer Lagerhalle von der Größe New Yorks. Und vergessen Sie nicht: Sie haben ihn umgestoßen.

Fazit

Nehmen wir an, Zeitreise würde so funktionieren, dann könnte schon Ihr Erscheinen in der Vergangenheit selbst eine starke Veränderung auslösen und den ersten Stein umkippen. So oder so gilt: Halten Sie sich aus allem Geschehen raus!

Von nichts kommt nichts

Aber bleiben wir noch ein bisschen bei dieser Theorie. In die Vergangenheit reisen und Dinge verändern. Da findet sich gerne etwas, das ich als „Schöpfung aus dem Nichts“ bezeichnen möchte. Sie kennen das: Der Zeitreisende braucht für seine Rückkehr dringend ein bestimmtes Sonett von Shakespeare, weil er seiner Freundin versprochen hat, dass er es ihr, in der Handschrift des Meisters mitbringen wird. Nun hat Shakespeare es aber noch gar nicht geschrieben.

Ist die Sache damit erledigt? Nein, denn „zum Glück“ hat unser Reisender eine Kopie des Textes dabei und diktiert ihn Shakespeare, der ihn aufschreibt, und das ist… totaler Schwachsinn! Wird uns von Science Fiction Autoren immer wieder gerne verkauft, ist aber absolut idiotisch.

Denn woher, meine lieben Freunde, soll der Text denn bitte gekommen sein? Aus dem Nichts? Ja, mögen Sie jetzt argumentieren, er kommt aus der Vergangenheit. Nein, tut er nicht, denn er ist dort nie geschrieben, nie erdacht worden.

Aber dort kam er hin aus der Zukunft. Nein, weil er nie in die Zukunft gekommen ist, da er ja nie geschrieben wurde. Er entstand also offenbar aus dem Nichts.

Noch mal von vorn

Ich weiß, das ist knifflig, also noch mal ganz in Ruhe zum Mitschreiben:

  • Shakespeare hat den Text nicht geschrieben, er wurde ihm diktiert.
  • Von jemanden, der ihn aus der Zukunft mitgebracht hatte.
  • Der Zeitreisende hat einen Text mitgebracht, den er nicht geschrieben hat.
  • Diesen Text hat er Shakespeare diktiert, der den Text nicht erdacht hat.
  • Niemand hat ihn erdacht, die Phase, in der der Text als solcher geschaffen wurde, fehlt.

Schöpfung aus dem Nichts. Völliger Schwachsinn! Ein Kreislauf ohne Substanz.

Würde es helfen, wenn es materieller ist? Ein Kuchen?

  • Sie bekommen von Ihrer Mutter einen Kuchen geschenkt.
  • Sie fahren zurück in die Vergangenheit und bringen Ihrer Mutter denselben Kuchen mit.
  • Später schenkt Ihnen Ihre Mutter den Kuchen…

Wer hat ihn gebacken? Niemand.

Wie ist er entstanden? Gar nicht.

Denn es ist Blödsinn!

Grenzfall

Anders, und ich füge das auch nur der Vollständigkeit halber an, wäre der Fall, in dem jemand aus der Zukunft kommt, aber nichts von Shakespeare kennt. Die beiden reden miteinander, daraus entsteht ein Werk von Shakespeare. Das wäre möglich, aber bislang gibt es keine Hinweise, dass es je dazu gekommen ist.

Parallelwelten

Dann gäbe es noch die Möglichkeit: Sie verändern die Zeit und es entsteht eine neue Zeitlinie, die parallel zur alten existiert. Hier können Sie quasi alles verändern, aber es wirkt sich nicht auf die Zeit aus, aus der Sie kommen. Bleibt die Frage: Falls Sie nach getaner Arbeit in Ihre eigene Zeit zurück reisen, landen Sie dann in Ihrer eigenen Zeitlinie oder in der neuen, die Sie erschaffen haben? Oder ist es möglich, von einer Zeitlinie in die andere zu wechseln, ganz, wie es einem beliebt? Das würde einen völlig neuen Markt eröffnen, der es jedem ermöglicht, sich so viele eigene Zeitlinien zu schaffen, wie es ihm beliebt. Bislang fehlen uns dazu aber leider klare Informationen.

Das ist Vergangenheit

Was wäre allerdings, meine lieben Leser, wenn b) zutrifft und der Zeitreisende fester Bestandteil der Vergangenheit wäre? Nehmen wir an, er ist ein geplantes, im Laufe der Geschichte vorgesehenes und natürliches Mitglied seiner Zielzeit? Dann besteht nicht die Gefahr, dass er etwas verändert, denn alles, was er tun wird, hat er bereits getan und ist Teil der Vergangenheit.

Er kann gerne versuchen, um hier mal das klassische Beispiel aufzugreifen, Hitler zu töten. Aber da er die Vergangenheit kennt, in der Hitler nicht getötet wurde, kann er zwangsläufig nur scheitern. Oder er ist erfolgreich und Hitler wird durch einen Doppelgänger ersetzt, das erfolgreiche Attentat auf ihn vertuscht und alles so weitergeführt, als würde er noch leben. Das Endergebnis, das geschichtliche, ist und bleibt dasselbe. Also muss er sich in diesem Fall nicht überlegen, was er tut und ob seine Handlungen den Lauf der Geschichte verändern könnten, da sie ja, wie bereits erwähnt, schon Teil dieser Geschichte sind.

Auf in die Zukunft

Spannend sind natürlich auch Reisen in die Zukunft… doch darauf gehen wir ein anderes Mal ein. An dieser Stelle möchte ich jedoch eins zu bedenken geben: Falls die erste Theorie zutreffen sollte und Sie sind selbst zum Zeitreisenden geworden, dann ist es möglich, wenn nicht sogar ausgesprochen wahrscheinlich, dass Sie in eine andere Gegenwart zurückkehren als die, aus der Sie gekommen sind. Denn Sie haben Ihre eigene ja verändert. Falls dann eine Rückkehr überhaupt möglich sein sollte. Denn Sie dürfen niemals vergessen, dass Ihre Anwesenheit in der Vergangenheit in einem solchen Fall zu Veränderungen führt. Und die könnten sogar so stark sein, dass durch sie z.B. der Bau einer Zeitmaschine verhindert wird. Oder sogar Ihre eigene Geburt! Und, ganz ehrlich, dann haben Sie Ihre eigene Zeitreise verhindert und damit verhindert, dass Sie Ihre Geburt verhindert haben und damit können Sie in der Zeit zurück reisen, um Ihre Geburt zu verhindern, was dazu führt, dass Sie Ihre eigene Zeitreise verhindern und damit… Sie sehen, das ganze ist ziemlich einfach!

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von Martin Cordemann